Bringt man die "gravierenden Probleme", über die Brigadegeneral Fritz Garben, Chef der Heeresfliegerwaffenschule Bückeburg, seinem Heeresinspekteur Generalleutnant Helmut Willmann in einem Brandbrief berichtet, auf den kürzesten Nenner, lautet die Botschaft bedrohlich: SOS - Kannibalismus bei der Bundeswehr. Nun fressen sich die Bundeswehrsoldaten keineswegs gegenseitig auf der Kannibalismus bezieht sich vorerst noch auf das Material der Truppe. Das geht etwa so: Verfügt ein Heeresfliegerverband über ein Dutzend Transporthubschrauber, müssen sechs als Ersatzteillager herhalten, damit die anderen sechs einsatzbereit sind. Nun gehört das Ausschlachten von Hubschraubern, Panzern und anderen Waffensystemen durchaus zum Übungsrepertoire der Truppe.

Da Finanzminister Theo Waigel den Etat von Verteidigungsminister Volker Rühe jedoch zum bevorzugten Sparziel gemacht hat, hat Rühe kaum Geld für Ersatzteile. Wollen die Soldaten sich und ihre mittlerweile überalterten und anfälligen Waffen über den normalen Friedensbetrieb hinaus auch für die neuen Aufgaben als Krisenreaktionskräfte fit halten, wird Ausschlachten der Systeme zwecks Ersatzteilbeschaffung zunehmend zur Regel, klagt General Garben.

In seinem Schreiben an den Heeresinspekteur spricht er natürlich nicht von "Kannibalismus", sondern zurückhaltend vom "gesteuerten Ausbau", der ausnahmsweise auch zugelassen ist, im Prinzip aber höchst unökonomisch und teuer. Garben: "Mit ,gesteuertem Ausbau` verbunden ist immer enormer zusätzlicher Zeitbedarf für Ausbau, Ab- und Aufrüstarbeiten, Einstell- und Kontrollarbeiten, Organisations- und Wartezeiten von zusätzlich notwendigen Nachprüfflügen und umfangreichen, im Sinne der Flugsicherheit unverzichtbaren Dokumentationsänderungen ganz zu schweigen. Dies ist so auf Dauer nicht hinnehmbar." Bedenklich auch, daß sich die Anzahl von Systemstörungen innerhalb der vergangenen zehn Jahre - etwa beim Transporthubschrauber CH-53 G - nahezu verdoppelt hat. Das führt zu erhöhten Risiken und sorgt für Ärger beim Personalrat. Der schätzt nämlich die Überstunden nicht, die nötig sind, um den eklatanten Ersatzteilmangel notdürftig über Mehrarbeit der Soldaten auszugleichen. Zudem scheint die Truppe bei Spezialaufgaben sichtlich überfordert. So beklagt Garben, die Verkürzung der Grundwehrdienstzeit lasse häufig nicht mal mehr die Ausbildung eines Grundwehrdienstleistenden (GWDL) zum Kfz-Führer (MKF) zu.

Wie aus dem Umfeld von Heeresinspekteur Willmann zu hören ist, will der die ärgerlichen Zustände rasch ändern, vorausgesetzt, man läßt ihn. Gewisse Leute auf der Hardthöhe geben nämlich lieber Geld für Kinkerlitzchen aus als für Ersatzteile. Den Entwurf eines neuen Bundeswehr-Logos, das sich unwesentlich vom alten unterscheidet, hat sich Rühe knapp 500 000 Mark kosten lassen. Dem SPD-Abgeordneten Ernst Kastning gegenüber verteidigte Staatssekretär Peter Wichert das generalstabsmäßig in vier Phasen entwickelte Logo als "wichtigen Teil der Bemühungen, die Bundeswehr als attraktiven Arbeitsplatz darzustellen". Eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen könnte dabei gewiß mehr helfen.