Die Gipfel sind verhüllt von Wolken. Regennasse Wiesen überziehen die Hänge, an deren Fuß sich ein paar Häuser ducken. Plötzlich reißt der Himmel auf. Ein knallblaues Loch strahlt inmitten der Wolkenstapel. Die Sonne verwandelt das Meer in eine silberne Fläche, huscht über die grasbewachsenen Berge und läßt die bunten Holzhäuser leuchten. Von einer Sekunde zur nächsten weicht das Nebelgrau einem satten Grün.

"Diese Inseln sind eine einzige Freilichtbühne für das Wetter", sinniert Thomas. Tatsächlich: Das Wetter führt auf den Färöern Regie. Es bestimmt das Programm in Dänemarks Außenposten, hier draußen im Atlantik, 1300 Kilometer von Kopenhagen entfernt und 475 Kilometer vor Island. Ein Hubschrauberflug zu einer kleineren Insel? Eine Wanderung oder ein Ausflug zu Pferd ins Hinterland?

Gern, falls das Wetter es morgen erlaubt.

An den achtzehn Inseln, die steil aus dem Meer aufragen und insgesamt nur doppelt so groß sind wie der Stadtstaat Hamburg, hängt jedes nordatlantische Tief seine Regenwolken auf und verbirgt so die Berge hinter einem Nebelschleier. Doch genausoschnell vermag der Wind den Himmel wieder blank zu pusten. Wenn sich dann der Vorhang hebt, verschlägt es dem Publikum den Atem: eine Kulisse, wie von genialer Hand gemalt, unwirklich, machtvoll, überwältigend. Wie ein Gebirge, dessen Täler überflutet sind und dessen baumlose Gipfel dicht an dicht aus dem Wasser ragen, liegen die Färöer dann da. "Wer einmal hier war, kommt immer wieder", hatte Kalle aus Sörvágur gesagt. Das war bei Regen kaum zu glauben. Im Sonnenlicht reift schnell die Einsicht, wie recht er hat.

Es ist Mitternacht, und in Sörvágur herrscht das Zwielicht eines trüben Tages, als Kalle uns sein Heimatdorf auf Vágar, der größten der Westinseln, zeigt: hier sein Haus mit den türkisfarbenen Fenstern, dort die Schule, der Fußballplatz und das Hallenbad, der Hafen und die kleine Fischfabrik. Die Mittsommernacht steht kurz bevor, es wird schon heute nacht nicht dunkel. Doch die Menschen haben die Vorhänge zugezogen und schlafen bereits. Das Gemeindehaus, in dem sich die Jugend gelegentlich zur Disko trifft, liegt still und verwaist. "Für einen Großstädter ist das natürlich unbegreiflich", gibt Kalle zu, "wir leben vor allem mit der Natur."

Rund 25 Jahre ist es her, daß Kalle hier am Ende der Welt angelandet ist. Als Soldat war der Däne zur Marine eingezogen und auf den Färöer-Inseln stationiert worden. Er hatte sich in die Landschaft verliebt und in ein Mädchen und ist geblieben. Wie er hier zum Beispiel seine Sonntage verbringt? Nun ja, auf den Färöern geht man morgens zur Kirche, denn die Menschen sind sehr gläubig, ißt dann zu Mittag und besucht nachmittags die Familie.