LEIPZIG. - Bei einem Bonner Abendessen war der Leipziger Regierungspräsident mein Tischnachbar: Walter Christian Steinbach, 52 Jahre alt, ein untersetzter Sachse und ein Leipziger, wie er im Buche steht - emphatisch lokalpatriotisch. In Windeseile waren wir bei den Namen der berühmten alten Leipziger Kaufmannsfamilien, bei deren Vereinen und Gesellschaften. Sie trugen so schöne Namen wie "Die Vertrauten", "Harmonie" und "Erholung". Daß es so etwas gab! "Gibt", korrigierte Steinbach, als wäre die Tradition nie unterbrochen worden. Auch seine Familie gehört dazu. In den sechziger Jahren wurde ihr Geschäft enteignet und Steinbach gezwungen, sich einen anderen Beruf zu suchen. Zuerst lehrte er Wirtschaft und Mathematik an Fach- und Ingenieurschulen. Doch 1968 ereignete sich etwas, das sein Leben in andere Bahnen lenkte.

Die Leipziger Universitätskirche wurde gesprengt, ein Erlebnis, das sich ihm und seinen Altersgenossen unauslöschlich einprägte: "Wir sind die Generation der DDR-68er", sagt er. Zusammen mit ein paar Freunden fing er an, Theologie zu studieren, kam 1975 in das sogenannte "Amt" und begann mit ökologisch orientierter Oppositionsarbeit. Von 1978 bis 1989 bearbeitete seine Gruppe, etwa 25 Leute, nur ein einziges Thema, das aber gründlich: die verwüstete Braunkohlelandschaft in Leipzig-Süd. "Wir sind ganz praktisch vorgegangen", erzählt er, "und fingen mit Baumpflanzungen an. Über dieses Projekt haben wir uns ganz langsam an die politische Verantwortung für die Schöpfung herangewagt."

Wenn sein Freund Cornelius Weiss, der Rektor der Universität Leipzig, über Steinbach nachdenkt, fällt ihm als erstes ein: "Er ist mutig, ist es immer gewesen." Um dann noch hinzuzusetzen: "Heute kann das jeder." Obwohl sie beide Leipziger sind, sah Weiss den "Pfarrer aus Rötha" zum ersten Mal 1987/88 im Westfernsehen. Steinbach hatte dem ZDF ein Interview über die Umweltschäden in Leipzig-Süd gegeben und das Problem an einem Metallkelch demonstriert, den er im Freien hatte stehenlassen und der nun vom sauren Regen zerfressen war.

Als wir uns das zweite Mal sahen, besuchte ich ihn im Amtssitz des Leipziger Regierungspräsidenten, ehemals das Gebäude der Leipziger Bezirksregierung. Sein Vorgänger im Chefbüro, der Vorsitzende des Rates, ist heute von einer Detektei aufgesogen, der Erste Stellvertreter hat sich als Rechtsanwalt niedergelassen. Manchmal sitzt er noch in seinem Vorzimmer. Dann schickt Steinbach ihn wieder nach Hause. So sind die Sachsen, geduldig, solange sie nicht böse werden. In Steinbachs Büro stand auch noch die hausbackene Sitzgarnitur des alten Regimes, im DDR-Jargon "die weichen Möbel".

Auch die verräucherten Gardinen hatte niemand abgenommen. Er wollte das so. Für ihn gehörte das mit zum langen Abschied, den er der DDR aus Gründen der Seelenhygiene schuldig war. "Ich kann doch so alt werden, wie ich will", sagte er, "die Hälfte meines Lebens werde ich immer in der DDR verbracht haben."

Das Recht auf einen menschlichen Abschied fordert er auch für die Bergleute im Leipziger Braunkohlegebiet: "Die Leute hier sind aufgewachsen in dem Gefühl: ,Ich bin Bergmann. Wer ist mehr?` Denen kann man doch nicht von heute auf morgen sagen: alles Mist."

Die Bergleute, die noch übriggeblieben sind, warten darauf, die zwölf Brikettfabriken abzubrechen, die über Leipzig-Süd verteilt und überflüssig geworden sind. Damit hätten die Kumpel noch ein Jahr Arbeit. Zwar bremst der Regierungspräsident, weil er immer noch auf Investoren hofft, die die Industrieantiquitäten retten könnten, aber wenn nichts mehr hilft, dann sollen die Bergleute selber es sein, die ihre über zweihundertjährige Kultur abräumen, findet er: "Das ist Trauerarbeit, mit der sie sich von ihrer eigenen Vergangenheit verabschieden können" - eine menschliche Sicht, für die der Finanzminister Theo Waigel nur wenig Verständnis aufbringt. Er möchte die Fabriken lieber heute als morgen an den Mann bringen. Die Immobilienspekulanten treten sich in Leipzig-Süd gegenseitig auf die Füße. Steinbach hat ihnen den Zugriff bisher noch verwehren können, nicht nur weil er auf den Mehrwert einer sanierten Landschaft setzt und die Kommunen ins Geschäft bringen möchte, sondern auch weil er findet: "In Afrika hat jeder Stamm seinen Totenkult. Wir in Leipzig auch."

Mit ihm ist gut zu reden. Politik betreibt er als Kommunikation.

Dabei weiß er sich in Szene zu setzen und läßt sich das schlitzohrige Motto angelegen sein: "Alle Gewalt geht vom Volke aus, nur nicht die Weisheit." Seine Methode, in möglichst breit strukturierten Diskussionen nach Problemlösungen zu suchen, wirkt auf manche seiner Freunde chaotisch, aber sie entspricht seinem aufrichtigen Glauben an die Lernfähigkeit der Menschen und seiner Überzeugung, daß politische Mehrheiten sich nicht von allein ergeben, sondern als Prozesse organisiert werden müssen. Die Resultate sprechen für ihn. Die Einsprüche gegen eine Müllverbrennungsanlage konnte er auf dreißig reduzieren. Innerhalb eines Jahres war das Projekt genehmigt. Die Leipziger Messe wurde binnen elf Monaten genehmigt, für die Planfeststellung brauchten sie ein Jahr. Wer wollte das im Westen nachmachen? Einem bayerischen Unternehmer kam beim Bau seines Filialwerkes in Schkeuditz eine 110 000-Volt-Leitung in die Quere. Mit Hilfe des Leipziger Regierungspräsidiums war sie innerhalb von neun Monaten unter der Erde. In Westdeutschland hätte der Weg durch die Instanzen mindestens fünf Jahre gedauert.

Als ich Walter Christian Steinbach in diesem Juni zum dritten Mal sah, hatte das Regierungspräsidium schon das neue Verwaltungsgebäude in der Leipziger Braustraße bezogen. Am nächsten Tag sollte es eingeweiht werden. Ministerpräsident Kurt Biedenkopf wurde erwartet.

Der hatte Steinbach 1990, als im Osten noch das große Machtvakuum gähnte, beiläufig gesagt: "Ich würde Sie gern als Regierungspräsident berufen." Steinbach erwiderte brav: "Ich bin aber SPD." Biedenkopf darauf: "Ach, wenn Sie wüßten, wie egal mir das ist."

So entstanden in der Wendezeit politische Blitzkarrieren, die sich häufig fast ebensoschnell wieder erledigten. Nicht bei Steinbach.

Dazu war er zu umtriebig, hatte zuviel Unternehmergeist als Erbe mitbekommen. In Leipzig wird er zuweilen auch als Hansdampf in allen Gassen kritisiert. Aber ein Wessi sieht das freundlicher.

Er ist angetan von einem Ossi, der Pläne hat, der etwas will, der überhaupt nicht jammert, sondern dem daran liegt, ein Stück der DDR-Opposition in die neue Welt herüberzuretten und wirksam werden zu lassen.

Auf einer Autofahrt in die Braunkohlelandschaft von Leipzig-Süd zeigte er mir seine alte Region. 1983 hat er in Mölbitz den ersten Umweltgottesdienst abgehalten. Der Ort hatte den Beinamen "dreckigstes Dorf Europas", weil er im Windschatten der Brikettfabrik Espenhain liegt. Mit etwa tausend Leuten wallfahrten sie damals nach Mölbitz, "Kreuz und Altar vorneweg, Losungen aus der Bibel und Karl Marx hinterher. Das war durchaus geistlich gemeint, aber für uns war es eine Demonstration."

Das ist Geschichte, aber mit den Mitgliedern seines alten Umweltseminars hockt er immer noch zusammen. Er holt sie in seine Regionalforen, auf denen diskutiert wird, wie in die Region neue Kraft gepumpt werden kann, macht mit ihnen politische Wanderungen zu Pfingsten und predigt ihnen wie nebenbei: "In der Resignation versinken, das kann's ja nicht sein."