In den sechziger Jahren wurde sein Name mit einem Schlag bekannt.

Sein Film "Den blodiga Tiden" (in Deutschland verkürzt zu "Mein Kampf"), eine Montage aus sorgfältig recherchiertem historischem Material, warf ein damals unübliches Bild auf Beginn und Machtentfaltung der Nazidiktatur. Leiser stellte Fragen, die am Grundkonsens unserer Republik rüttelten: Wie konnte das alles Anfang der dreißiger Jahre so selbstverständlich entstehen? Und wie war zu begreifen, nachdem alle wußten, was sich ereignet hatte, daß jedermann es so schnell zu verdrängen suchte? In den Jahren danach legte Leiser weitere Filme vor, die alle um das Thema des Menschen unter unmenschlicher Realität kreisten. 1961: "Eichmann und das Dritte Reich" (über den NS-Organisator als Täter und Opfer zugleich). 1963: "Wähle das Leben" (über die Gefahren nuklearer Kriege). 1968: "Deutschland, erwache!" (ein Versuch, NS-Spielfilmszenen zu einem kritischen Dokumentarfilm zusammenzusetzen). 1984: "Die Mitläufer" (über beiläufige Verstrickungen in den Alltag des Faschismus). Das Prinzip all dieser Filme lautete, keine Urteile zu verkünden, sondern die Zuschauer selbst aktiv zum Urteilen einzuladen. Leiser ging es nie um die Schönheit der Bilder, sondern um die Haltung, die in ihnen zum Ausdruck kommt, um die Klarheit, mit der in seinen Filmen die inhumane Dimension jeglicher Ideologie deutlich wird - "ohne das ruhige Plätschern eines Kommentars, der alles erklärt, und ohne den Zeigefinger der Kontrastmontage, der sich in die Sinne des Zuschauers bohrt". Zwischen 1966 und 1969 war er auch Leiter der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin. Der besondere Hang zum Dokumentarischen, den viele Studenten dieser Institution bis heute pflegen, hat allerdings wenig mit ihm zu tun. Die "Vorzüge seiner Filme" sind, schrieb Enno Patalas 1960, "ausnahmslos extra-kinematographischer Natur sie liegen nicht in der Gestaltung, sondern in der Gesinnung, die er freilich auch mitzuteilen versteht". Erwin Leiser, 1923 in Berlin geboren, 1938 nach Schweden emigriert, Journalist, Übersetzer und Filmemacher, im guten Sinne Archivar und Sammler, Sucher und Mittler - und vor allem: Aufklärer und Mahner, ist am 23. August in Zürich gestorben.