Wie haben sie sich aufgeregt, die Bonner Herren und die Bürger draußen, damals vor 26 Jahren! Die frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Lenelotte von Bothmer berichtet von ihrem folgenreichen Verstoß gegen die Kleiderordnung

Was als Spaß gedacht war - als kleine Lehre für den damaligen Vizepräsidenten des Bundestages, Jäger, der erklärt hatte, er werde keiner Frau erlauben, in Hosen im Plenum zu erscheinen, geschweige denn das Rednerpult zu betreten - wurde leider mein Markenzeichen. Es hängt mir bis zum heutigen Tag nach!

Ich wäre selbst gar nicht darauf gekommen, einen Hosenanzug, wie er Anfang der siebziger Jahre modern war, anzuziehen. Aber Vizepräsidentin Lieselotte Funke war der Meinung, solch dummes Geschwätz wie das von Jäger dürfe man einfach nicht durchgehen lassen. Da gab ich ihr recht. "Tun Sie's! Kommen Sie im Hosenanzug!" sagte sie zu mir. Zu jener Zeit waren alle noch recht konventionell gekleidet: Die Kollegen trugen dunkle Anzüge zu weißem Hemd und Schlips, die wenigen Kolleginnen meist streng korrekte Jackenkleider. Bisher war mir gar nicht bewußt geworden, daß die Versammlung eigentlich einen sehr tristen Eindruck machte.

Ich kaufte einen hellen Hosenanzug mit langer Jacke, die bis weit auf die Oberschenkel die Hosenbeine verdeckte - ein ausgesprochen züchtiges Kleidungsstück. Nach damaligem Begriff war der Anzug elegant. Ich ging damit ins Plenum. Nie hätte ich mir die Folgen ausmalen können! Der ganze Saal geriet in Bewegung, fröhliche Zurufe und Lachen in allen Reihen. Vom Balkon herunter richteten sich die Kameras der Presse auf mich. Kollege Jäger saß nicht im Präsidentenstuhl. Der amtierende Präsident aber runzelte verwundert die Stirn. Ein Abgeordneter rief: "Wäre ich nur auf so eine Idee gekommen und im Schottenrock erschienen!"

Am Abend wurde der Hosenanzug vom Nachrichtensprecher im Fernsehen mit einem kleinen Schmunzeln erwähnt. Und am nächsten Tag konnte man in jeder Zeitung im Land davon lesen und meist auch ein Photo bewundern. Ausländische Zeitungen werteten die Sache als Zeichen deutscher Emanzipation . . . Ich war mit einem Schlag in aller Munde. Nicht, weil ich klug oder weitblickend gehandelt oder geredet hätte, nein, weil ich einen Hosenanzug getragen hatte. Überwältigend erlebte ich, was Menschen heute berühmt macht. Aber damit nicht genug: Die Wähler landauf, landab reagierten und schickten eine Flut von Briefen. Anonyme, sehr häßliche, aber auch anerkennende, witzige, fröhliche. Die anonymen Schreiber machten sich oftmals sogar die Mühe, ihre Schimpfworte mit rotem Farbband zu schreiben: "Sie sind ein unanständiges würdeloses Weib!" - "Armes Deutschland!

So tief bist du gesunken mit den roten Parteiweibern!" - "Sie sind eine ganz disziplinlose Person! Hoffentlich werden wir Sie im nächsten Bundestag nicht mehr sehen!" Eine Münchnerin war der Ansicht, ich solle mich schämen. Ein anderer Schreiber erklärte: "Eine Dame sind Sie nicht!" Einer schrieb: "Man sollte meinen, der Hosenanzug ist für eine alternde Frau nicht der richtige Anzug. Doch Provokation liegt nun mal der Frau, auch im Alter noch." Und schließlich befürchtete gar einer: "Nächstens kommen Sie wohl oben ohne!" Auf einer Postkarte standen nur die drei Worte: "Sie Schwein, Sie!" Daß ich solche Aggressionen ausgelöst hatte, erstaunte mich sehr. Was ich jedoch für bedenkenswert hielt, war, daß aus diesen vielen Briefen auch hervorging, wie viele sich persönlich getroffen fühlen, wenn ihrer Vorstellung von der Erhabenheit des Bundestages mit den dort selbstverständlich edel gekleideten Menschen nicht entsprochen wird. Sie wünschen sich von ihrer gewählten Volksversammlung, daß sie sich deutlich als etwas Höheres abhebt. Was, fragte ich mich, hielten wohl diese Aufgebrachten davon, wenn sie in festlicher Gesellschaft oder im Theater einer Frau im Hosenanzug begegneten? Das war offensichtlich etwas anderes . . . Der Bundestag sollte über allem stehen, ob die Kollegen sich das klarmachen, wenn sie gar als Minister oder Bundestagspräsidenten, kein anderes Verhalten an den Tag legen wie so viele, die sich von der Macht korrumpieren lassen?