Das Aufsehen, das Daniel Goldhagens preisgekröntes Buch über "Hitler's Willing Executioners" vor allem in den Vereinigten Staaten, aber auch in anderen westlichen Länder findet, lehrt uns, daß die emotionale Nachwirkung des deutschen Judenmordes noch nach Jahrzehnten anhält. Das Buch selbst, das bewußt provozieren will, rechtfertigt die neu entbrannte Debatte eigentlich nicht. Es fällt eindeutig hinter den Forschungsstand zurück, beruht auf weiten Strecken auf unzureichenden Grundlagen und bringt keine neuen Einsichten für die Beantwortung der Frage, warum in einem fortgeschrittenen und hochzivilisierten Land der Rückfall in die Barbarei, in die systematische Liquidierung von Millionen unschuldiger Menschen, und hier in erster Linie von Juden, möglich geworden ist.

Die emotionale Belastung jedes Erklärungsversuchs der Schoah ist schon 1960 anläßlich des Eichmann-Prozesses in Jerusalem in aller Schärfe aufgebrochen, als Hannah Arendt in ihrem Prozeßbericht die umstrittene Formel von der "Banalität des Bösen" prägte und die Unterstellung des Gerichts, aber auch der Mehrheit der damaligen Forschung zurückwies, der Judenmord sei in erster Linie das Resultat einer von langer Hand geplanten Vernichtungsstrategie gewesen. Sie rief ernsthaften Widerstand hervor, als sie feststellte, daß das antisemitische Motiv nur einen Faktor für die Implementierung des Genozids darstellte.

In der Tat überwog in der Weltöffentlichkeit die Ansicht, daß Hitler die Vernichtung der europäischen Juden von allem Anfang an geplant und sein Programm schrittweise aufgedeckt und schließlich unter den Bedingungen des Krieges verwirklicht habe. Ebensowenig stand in Frage, daß wesentliche Teile der deutschen Bevölkerung, insbesondere die Angehörigen der Funktionseliten, in dieser oder jener Form von der systematischen Vernichtung der Juden gewußt haben müssen.

Desgleichen war die Forschung davon überzeugt, daß die systematische Vernichtung des europäischen Judentums definitiv am 31. Juli 1941 eingesetzt habe, als Göring Heydrich den Auftrag gab, die "Endlösung der europäischen Judenfrage" in die Wege zu leiten, wobei man davon ausging, daß nur Hitler einen solchen Befehl gegeben haben könne. Dies wird heute von der Mehrheit der Forscher bezweifelt, zumal es sich um eine Anweisung handelte, die Adolf Eichmann für Hermann Göring aufgesetzt und die dieser nur unterzeichnet hatte (abgesehen davon, daß sich die Anweisung auf die nach dem Kriege zu ergreifenden Maßnahmen in der "Judenfrage" bezog).

Es besteht inzwischen weitgehend Übereinstimmung darüber, daß es einen förmlichen Befehl zur Einleitung der "Endlösung" nicht gegeben hat. Desgleichen besaß das Regime vor 1940 keine langfristige Zielsetzung, die über die erzwungene Auswanderung des jüdischen Volksteils hinausging, und diese wurde im Zuge der fortschreitenden Ostexpansion des Reiches, die die Zahl der unter deutscher Herrschaft lebenden Juden vervielfachte, immer aussichtsloser.

Nach Vorstufen im unterworfenen Polen setzten erst mit dem Tätigwerden der Einsatzgruppen A bis D im besetzten sowjetischen Territorium, und hier erst seit dem Spätsommer 1941, Aktionen zur Ausrottung der jüdischen Bevölkerung, darunter Frauen und Kinder, ein, die einen qualitativen Umschwung bedeuten. Die Forschung bringt sie mit Himmlers Besuch in Rußland und mit den auch von ihm geteilten euphorischen Siegeshoffnungen in Zusammenhang, die ihn veranlaßten, das für Ausrottungsmaßnahmen zur Verfügung stehende Personal um mehr als das Zwanzigfache aufzustocken und dafür auch die für Sicherungsaufgaben im rückwärtigen Gebiet eingesetzten Polizeibataillone heranzuziehen.

Die Zäsur, die sich hier andeutet, entspricht nicht der erst im Oktober/November 1941 ergehenden Anweisung des Gestapochefs Heinrich Müller, die Auswanderung von Juden aus dem französisch besetzten Gebiet nach Marokko zu unterbinden. Diese Maßnahme stand noch im Zusammenhang mit den wechselnden Reservatsprojekten, die die Bevölkerungsplaner Himmlers und des Reichssicherheitshauptamts als Lösungsmöglichkeit vorsahen, darunter der Madagaskarplan, der Plan eines Reservats bei Lublin und schließlich im noch zu schaffenden Eismeerbezirk.

Noch zum Zeitpunkt der Wannseekonferenz war die im März 1942 "endlich gefundene" Lösung der Massenliquidation in Auschwitz und den parallel errichteten Vernichtungslagern noch nicht eine generell gültige Zielsetzung, obwohl eine Ambivalenz zum Prinzip der "Vernichtung durch Arbeit", das Odilo Globocnik in Ostgalizien und im Generalgouvernement praktizierte, nach wie vor bestand. Den Umschlagspunkt zur gesamteuropäischen "Endlösung" stellte die "Aktion Reinhard", die schrittweise Liquidierung der Juden im Generalgouvernement, dar, nachdem sich die verschiedenen Reservatslösungen infolge des unerwarteten Kriegsverlaufes zerschlagen hatten.

Die jüngsten Forschungen zeichnen eine Interaktion zwischen lokalen und zentralen Akteuren, die dazu führte, daß sich schließlich ein Konsens aller Beteiligten darüber herausbildete, die in deutscher Hand befindlichen Juden zu liquidieren. Nicht allein ideologische Triebkräfte, sondern auch selbsterzeugte materielle und psychologische Zwangslagen gaben den Ausschlag dafür. So stellte die der Sowjetunion gegebene Zusicherung, Hunderttausende von Volksdeutschen aus den baltischen Ländern, aus Wolhynien und Bessarabien in den Warthegau und andere Bezirke Ostmitteleuropas umzusiedeln, den entscheidenden Anschub zur Deportation der jüdischen Bevölkerung und die Schaffung von Ghettos im Generalgouvernement dar.

Das Studium der Komplexität dieser Vorgänge hat die Historiker des Holocaust bei generalisierenden Urteilen zu größerer Behutsamkeit veranlaßt. Einerseits ergab die in den letzten Jahren ausgeweitete Feldforschung für das östliche Europa, daß nicht nur die SS und der engere Terrorapparat des Regimes, sondern daß auch die Wehrmacht, das Auswärtige Amt, beträchtliche Teile der inneren und allgemeinen Verwaltung, die Polizeiorgane und die Deutsche Reichsbahn in die Mordpolitik verstrickt gewesen sind.

Es steht heute fest, daß ohne die aktive Unterstützung von Teilen der funktionalen Eliten das Mordprogramm nicht in die Wirklichkeit hätte umgesetzt werden können, wenngleich die Mehrheit davon sich über die mörderischen Konsequenzen ihres Tuns, sei es aus Verdrängung, sei es aus politischer Naivität und moralischer Indifferenz, keine Rechenschaft ablegte.

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Bisher erschienen Beitrége in der Goldhagen-Debatte der ZEIT:

Volker Ullrich: Hitlers willige Mordgesellen (Nr. 16/96)

Daniel J. Goldhagen: Auszüge aus "Hitler's Willing Executioners" (Nr. 16/96)

Christopher Browning: Dämonisierung erklärt nichts (Nr. 17/96)

Julius H. Schoeps: Vom Rufmord zum Massenmord (Nr. 18/96)

Gordon A. Craig: Ein Volk von Antisemiten? (Nr. 20/96)

Eberhard Jäckel: Einfach ein schlechtes Buch (Nr. 21/96)

Hans-Ulrich Wehler: Wie ein Stachel im Fleisch (Nr. 22/96)

Ingrid Gilcher-Holtey: Die Mentalität der Täter (Nr. 24/96)

Ulrich Herbert: Aus der Mitte der Gesellschaft (Nr. 25/96)

Daniel Goldhagen: Das Versagen der Kritiker (Nr. 32/96)