RÜGEN. - Bitter zitierte Norbert Wiersbinski, SPD-Kreisvorsitzender in Rügen, den alten DDR-Kinderreim: "Und wenn er's auch nicht böse meint, so bleibt der doch der Klassenfeind." Die Rolle des altbösen Klassenfeindes soll in diesem Inselsommer vor allem einer übernehmen: der stellvertretende Landrat oder 1. Beigeordnete Udo Knapp. Er war Vordenker der Grünen und ist jetzt SPD-Mitlied und enger Berater des Landeschefs Harald Ringstorff. Jener "Dr.

Knapp" wurde als entscheidungsfreudiger und arbeitswütiger Verwalter zum bekanntesten Politiker von Rügen. Vergangene Woche jedoch hat eine Koalition von PDS und "Bündnis Für Rügen" (Grüne und Bauern) seine Beurlaubung im Kreistag durchgesetzt, mit dem Ziel, ihn aus dem Amt zu jagen. Und nicht nur das! Er wurde wie ein Delinquent behandelt. Drei Stunden lang versuchten Kreistagsdelegierte zu verhindern, daß er zu den Vorwürfen Stellung nimmt. Ein Aufpasser wurde ihm hinterhergeschickt, um den Kontakt mit seiner Behörde zu unterbinden. Man unterstellte, er könne Akten beiseite schaffen.

Die Hauptamtsleiterin schrie: "Das Handy, geben Sie mir sofort das Handy ab!" Am Ende der Kreistagssitzung durfte der "Dr. Knapp" dann doch reden - unter dem Beifall der Zuhörer. Viele Abgeordnete von PDS und Bündnis Für Rügen jedoch senkten beschämt den Kopf und hoben dennoch die Hand gegen ihn. Diese Geschichte ist nicht zuletzt deswegen pikant, weil es genau diese Koalition war, die Udo Knapp vor zwei Jahren nach Rügen geholt hatte.

In einer zweiseitigen Begründung versuchten PDS und Bündnis zu erklären, warum der 1. Beigeordnete von der Insel verschwinden soll. Da wird düster vom "dringenden Verdacht der Begehung zahlreicher Dienstvergehen" mit "Wiederholungsgefahr" geredet. "Dringende Ermittlungen" seien nötig, vor allem "unter Ausschluß des 1. Beigeordneten" - die Tonart schwankt zwischen Inquisition und Schauprozeß. Der einzig offene und konkrete Vorwurf ist: "Die Persönlichkeitsstruktur des Herrn Dr. Knapp wie auch seine Amtsführung sind gekennzeichnet von Selbstherrlichkeit und Herrschsucht." Udo Knapp, der sonst pressefreudig ist, schweigt grimmig. Der Kreistag hat ihm einen Maulkorb verpaßt. Das gilt auch für einen Vorwurf, der das ganze Papier durchzieht. Der stellvertretende Landrat habe Baugenehmigungen "willkürlich", "zum Nachteil der Rügener", unter "Mißachtung des Gleichheitsgrundsatzes" gestrichen. Worum es dabei geht, weiß allerdings die Inselöffentlichkeit durchaus.

Es sind zwei aktuelle Fälle: Da will der Professor Meyer-Reil, Leiter des Instituts für Ökologie der Universität Greifswald, ein leerstehendes Haus für Ferienwohnungen ausbauen lassen, und die ehemalige LPG-Vorsitzende und SED-Aktivistin Sabine Mehlberg möchte ein leerstehendes Lehrlingsheim in eine Pension umwandeln.