Die heilige Schrift". Heilig! So stand es da, im Titel über dem Aufsatz von Christoph Dieckmann vor zwei Wochen auf dieser Seite.

Und darunter: "Eine Rede wider das Verschwinden der Sprache in der Gegenwart". Ein wunderbarer Text, auch ein verwunderlicher.

Zuerst denkt man, es sei das Westbild des "DDRlers", bei dem man innehält, das von der "heimatlosen schönen neuen Welt" mit ihrem "Plattdeutsch", ihrer geschichtslosen Sprache und den "geilen Techno-Pixeln". Aber ist es das? Der Osten bringe mit, liest man, daß es gegen den "öffentlichen Wahrheitsmangel der DDR, der die Kirche wie die Literatur zu Medien der Aufklärung promovierte", eine Wahrheit im Wort gab, tiefer als im Westen - und diese "Zitadelle geistigen Bürgertums", in der sich schon die jungen Theologiestudenten verschanzten, sei bedroht.

Worin gründet wirklich, fragt man sich bei genauerem Hinsehen, dieses Gefühl von großer Nähe und verblüffender Fremdheit zugleich?

Und ist einem das nicht ähnlich ergangen schon beim Lesen der ersten Texte von Jens Reich, damals noch unter fremdem Namen in Lettre publiziert, mit ihrer frappierenden Wahrnehmungsfähigkeit, Genauigkeit, dieser Kunst, als "Ich" unverfälscht in die Welt zu blicken und sie mit ihm neu zu verstehen? Oder Friedrich Schorlemmer - auch ihn lernte man lesend kennen, bevor man ihn kennenlernte, und staunte. Auch er hatte einen ganz eigenen Ton, nicht nur eine Klarheit der Sprache. Und, wieder anders gefärbt, Richard Schröder.