Deutsche Gedichte", hat Karl Krolow einmal geschrieben, "wollen immer zuviel. Sie kommen mit ihrer Bedeutung daher, die mir zu deutlich ist, zu grob oder zu artifiziell und jedenfalls mir zu wenig diskret." Gegen derlei aufdringliche Indiskretionen und Bedeutungsexpansionen empfahl Krolow 1968 den Rückzug auf minimale Anlässe, auf scheinbar flüchtige Stoffe und ephemere Gegenstände.

Auch für den Lyriker Kurt Drawert, der sich schon in seiner Leipziger Zeit als poetischer Wahlverwandter Krolows zu erkennen gegeben hat, ist diese Beschränkung auf eine "unauffällige" Poesie, die "jede große transzendierende Geste und Weltumschlungenheit" meidet, bis heute ein gültiges poetisches Modell. Was Drawert als junger Student am Literaturinstitut in Leipzig schon 1984 mit "Begeisterung" aufnahm, ist bis heute für seine eigenen Gedichte verbindlich geblieben: die äußerste poetische Zurückhaltung, der Rückzug auf die Wahrnehmungsempfindlichkeit des Ich, die kühle Distanz gegenüber der Sprach- und Weltdeutungsmacht jedweden Kollektivs.

"Mich beispielweise, lieber Czechowski / interessiert tatsächlich nur noch / das Privateigentum an Empfindung / . . . ich / hab den Fahrplan gelesen, die Koffer gepackt / für die Reise ins eigene / innere Land": Diese Verse, 1988/89 geschrieben, zielten auf den Kollektivierungswahn des moribunden Sozialismus, der noch in seinem letalen Stadium jede Abweichung poetischer Subjektivität mit Mißtrauen verfolgte. Fünf Jahre nach dem Kollaps der DDR kann der Lyriker Drawert das "Privateigentum an Empfindung" zwar ungefährdet in Anspruch nehmen, aber die in seinem Land erlittenen Traumatisierungen wirken fort.

Schon in den erzählerisch-essayistischen Monologen des Bandes "Spiegelland" (1992) hat Drawert jene schockierende biographische Urszene beschrieben, die uns zum Kern seiner Poetik führt. Es ist die Erfahrung einer Sprachtraumatisierung: Der herrschsüchtige Vater, ein linientreuer Polizeioffizier, versuchte dem unsicher- ängstlichen Sohn mit Brachialgewalt die Alphabete des real existierenden Sozialismus einzuprügeln, bis dieser ins zwanghafte Verstummen zurückfiel.

Die Belagerung des Körpers durch Sprache und der Rückzug auf das Verstummen - dieses Motiv kehrt auch im neuen Gedichtband "Wo es war" wieder, so etwa im Gedicht "Kaspar Hauser", einem konzentrierten Denkbild über das Zur-Sprache-Kommen als Sündenfall des Menschen.

Kaspar Hauser, der in die Menschenwelt Hineingetriebene, träumt noch einmal von der glücklichen Zeit "jenseits der Sprache", da er noch geborgen war in der "Geschichte der Stille". Auch in der programmatischen Dankrede zur Verleihung des Uwe-Johnson-Preises, die dem Band beigefügt ist, verweist Drawert auf diese Grunderfahrung seines Schreibens: Seine subjektive Erfahrung der Sprachenteignung deutet er als objektives Strukturmerkmal der DDR-Gesellschaft, als allgemeine "Verhinderung des Sprechens" durch eine erstarrte "Herrschaftssprache".