Wer selbst schreibt und unermüdlich, ja besessen damit beschäftigt ist, vom Menschen zu erzählen, wirft als Leser am liebsten seinen Blick auf die Sprache des schreibenden Kollegen. Ihn kümmern, so paradox es erscheinen mag, weniger die verarbeiteten Fakten, die dabei hervorgekehrten Sachverhalte und aufgeworfenen Probleme mehr als die erzählte Geschichte samt ihren psychologischen Bedingtheiten und zeitgeschichtlichen Bezügen interessieren ihn die sprachlichen Mittel, die eine Erzählung zustande gebracht haben. Flauberts liebster Philosoph war Montaigne, weil er seine Philosophie über die Eigentümlichkeiten und Gewohnheiten des Menschen nicht in begrifflicher Abstraktion dargeboten, sondern erzählt hat, und zwar "ergötzlich", wie Flaubert bemerkt, "seine Sätze haben Fleisch und Blut".

1857, als Flauberts Roman "Madame Bovary" erschien, sich Kritiker wie Schriftsteller in die Lektüre stürzten und wenig später schon ihre Auslegungen und Urteile drucken ließen, entbrannte in Frankreich ein öffentlicher Streit um diesen revolutionären Roman. Das zuweilen bissige Gezänk zwischen Rezensenten und Poeten spaltete den Literaturbetrieb: Zum erstenmal schieden sich Verfechter und Gegner des L'art pour l'art durch programmatische Äußerungen, die eine simple Inhalt-Form-Debatte sprengten und sich zur Auseinandersetzung über Fragen der Staatsethik ausweiteten. Innerhalb des durch Armee, Wirtschaft und katholische Kirche gestützten und gefestigten Weltanschauungssystems des zweiten Kaiserreichs traf Flaubert auf heftigen Widerstand restaurativer Kräfte, dem sich die von positivistischer Philosophie angeregten Künstler vehement widersetzten.

Flauberts Roman einer von romantischer Literatur zu Illusionen über Leben und Liebe verführten Frau, die einen biederen Landarzt aus der Provinz heiratet, sich in ehebrecherische Schuld und existenzvernichtende Schulden stürzt und sich am Ende vergiftet - die banalste Illustriertengeschichte der Welt -, beschäftigte durch ihre krasse, keine Trivialität beschönigende Darstellungsweise das Gericht und durch ihre präzise, keine Nuance vernachlässigende Gestaltungskunst die Schriftstelle r seiner Zeit: Sainte-Beuve und Barbey d'Aurevilly contra Baudelaire und Guy de Maupassant.

Sainte-Beuve, dem es in einer Werkausdeutung stets auf persönliche und gesellschaftliche Bedingungen und erst in zweiter Linie auf die Erzählstruktur ankam, wendet ein, das Gute sei in Flauberts Roman zu sehr ferngehalten, nicht eine einzige Person vertrete es, obwohl es auf dem Lande doch auch Menschen gebe, die es zum Trost aller mit ihrer schönen Seele zu zeigen lohne. Barbey d'Aurevilly, katholisch-konservativer Gesinnung mit leidenschaftlichen Ausfällen gegen alles sogenannte Verirrte und Lasterhafte, nennt "Madame Bovary" ein Buch ohne Zärtlichkeit, ohne Idealität, ohne Poesie, der Autor leide unter einer "entsetzlichen Gefühlslosigkeit", habe kein Empfinden, besitze keine Spiritualität, nicht einmal die Hexenmeisterfertigkeit, Zauber zu verbreiten: "Er ist ein unermüdlicher Erzähler, ein Analytiker, der niemals in Verwirrung gerät, er ist ein B eschreiber noch der feinsten Subtilitäten.

Doch er ist taub und stumm für den Eindruck, den das hervorruft, was er erzählt. Er bleibt ungerührt von dem, was er mit der Gewissenhaftigkeit der Liebe beschreibt . . . ich möchte fast sagen ohne Seele."

Barbey d'Aurevilly, der dem Autor Herzenskälte, Teilnahmslosigkeit, ja Kaltblütigkeit bescheinigt, und Sainte-Beuve, der ihm zur Besserung das Schreiben einer positiven, einer erbaulichen, einer gesellschaftskonformen Literatur anrät: Sie haben die ideologischen Urteile einer Literaturkritik vorgebildet, die sich bis heute in den Literaturbeilagen angesehener Tages- und Wochenzeitungen halten. Von Romanciers erfundene Figuren werden um der weltanschaulichen Ausdeutung willen mit lebenden Figuren verwechselt und diffamiert, erfundene Mütter für die Mütter selbst gehalten und beschimpft. Den einen ärgert das gesellschaftliche Engagement einer literarischen Figur, der andere verachtet ihre menschlichen Defizite.