Bei einer liberalen Zeitung gibt es niemanden, der sagt, wo's langgeht. Die Probleme werden durchdiskutiert, und wenn es nicht gelingt, sich auf eines der beiden alternativen Argumente, die am Schluß übrigbleiben, zu einigen, dann haben zuweilen beide, Theo Sommer und ich, ihre Meinung dargestellt - gelegentlich auch als Leitartikel auf der ersten Seite. Der Leser soll für sich entscheiden, welches Argument er überzeugender findet. Manchmal hat auch Gerd Bucerius, der Verleger selbst, zornig zur Feder gegriffen: Wenn er das, was Sommer oder ich erklärt hatten, falsch fand, schrieb er in der nächsten Ausgabe das Gegenteil.

Der Fall, um den es sich heute handelt, heißt "Goldhagen" und betrifft sein Buch "Hitlers willige Vollstrecker". Ich bin der Meinung, daß die ZEIT viel zuviel Aufhebens von dem Buch gemacht hat, das mit fragwürdiger Methode eine, wie mir scheint, von ihm selber nicht bewiesene Theorie vertritt.

Wir haben zwischen April und August acht Historiker zu Worte kommen lassen. Dann hat der Autor des Buches in einem über sechs Zeitungsseiten laufenden Artikel (mehr, als je einem Autor zugebilligt wurde) in ziemlich autoritärer Weise seine Kritiker in Bausch und Bogen verurteilt. Schließlich hat Hans Mommsen in der vorigen Woche auf diese Ausführungen mit abermals zwei ganzen Seiten geantwortet.

Goldhagens fragwürdige Methode: Er geht von der "Endlösung", also vom Holocaust, aus und spult die Kausalkette zurück, wobei automatisch die "Endlösung" bis in alle Vorzeit immer präsent bleibt. Auf diese Weise beweist er, daß die "ganze deutsche Gesellschaft von jeher den virulenten Ausrottungs-Antisemitismus Hitlers teilte".

Er behauptet, die Vollstrecker seien in ihrer Zusammensetzung repräsentativ für die deutsche Bevölkerung. Er sagt nicht, ob die Österreicher in seine Statistik einbezogen sind, die ein Drittel der Vernichtungseinheiten der SS stellten und vier der wichtigsten Todeslager befehligten, wie Paul Johnson in der Washington Post schreibt.

Wenn so argumentiert wird, muß man sich doch fragen, was das derart leidenschaftlich antisemitische Volk eigentlich getan hätte, wenn Hitler 1917 an der Westfront - wo er verwundet worden war gefallen wäre? Sicherlich hätte sich in Deutschland, wie in Spanien oder Italien, ein autoritäres Regime etabliert, aber gewiß kein Hitlerscher Nationalsozialismus.