Besonders die weit verbreitete Behauptung, die Wurzeln der Menschenrechtsidee seien nur in westlichen Kulturen zu suchen, ist falsch. Wirkliche Kenner der nahöstlichen und asiatischen Kulturen wissen sehr wohl, daß die klassischen Quellen des Hinduismus, des Konfuzianismus, des Buddhismus und des Islams ähnliche Standards der Humanität aufgestellt haben wie die griechische Antike, das Judentum und das Christentum, auf denen unsere Kultur aufbaut.

Alle diese Kulturen und ihre prägenden philosophischen Systeme haben - mit einem Wort - eine Ethik der Humanität begründet. In allen gilt beispielsweise die Goldene Regel: "Was du nicht willst, das man dir tu', das füg' auch keinem andern zu". Schon dieser Satz würde, in die Wirklichkeit übertragen, alle drei Fundamentalrechte abdecken, von denen soeben die Rede war; denn es wird wohl kaum einen Menschen geben, der damit einverstanden wäre, daß man ihn umbringt, foltert, in Sklaverei verkauft oder willkürlich ins Gefängnis wirft. Zumindest die Fundamentalrechte des Menschen sind also unmittelbarer Ausfluß der Goldenen Regel, und diese gilt, wie sich mühelos nachweisen läßt, in allen Kulturen dieser Welt.

Demokratisierung

In der Menschenrechtsdebatte mit anderen Völkern und Kulturkreisen wären wir Europäer allerdings gut beraten, von dem hohen Roß herunterzusteigen, auf dem wir in dieser Frage so gern sitzen. Die Entwicklungsprozesse, die wir heute in anderen Teilen der Welt beobachten und so leichthin kritisieren, haben nämlich auch wir durchgemacht, und zwar vor gar nicht so langer Zeit. Die amerikanische Bill of Rights und die französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte sind erst 1776 und 1789, also vor jetzt gerade zweihundert Jahren, zustande gekommen, und auf die Rückfälle, die es danach gegeben hat, braucht man wohl nicht besonders hinzuweisen. Zur wirklichen Demokratie, in der die Regierenden von den Regierten frei gewählt und auch wieder abgesetzt werden können, ist es in Europa überhaupt erst im letzten Jahrhundert gekommen.

Eines unserer Probleme besteht darin, daß der Ablauf in anderen Teilen der Welt genau umgekehrt war - und bis heute ist. Erst nach einer wirklichen Demokratisierung werden dort, als deren Folge, allmählich auch die Menschenrechte respektiert, weil die Bürger zunehmend Verständnis für sie entwickeln und sie dementsprechend auch einfordern. Man muß daraus zwei gänzlich verschiedene Konsequenzen ableiten:

Einerseits liegt es nahe, die Demokratisierung in allen Teilen der Welt als eine der wirkungsvollsten Strategien zur Durchsetzung der Menschenrechte anzusehen und sie dementsprechend zu fördern.

Andererseits muß man unter diesen Umständen aber auch mit der Existenz von Staaten rechnen, die sich zwar ernsthaft als Demokratien verstehen, in denen die Verwirklichung der Menschenrechte aber trotzdem noch zu wünschen übrigläßt, sei es infolge von "Altlasten" (etwa in der Ausbildung und Führung von Armee und Polizei, im Strafvollzug und so weiter), sei es aber auch, weil der öffentliche Bewußtseinsstand noch nicht das Niveau erreicht hat, das nach westlicher Auffassung wünschenswert wäre.