Der Geruch von nassen Blättern an einem Herbstmorgen . . . Der Klang einer Schulglocke, im Vorbeigehen aufgeschnappt . . . Der Geschmack von Schokolade mit Orangenstückchen . . . Jeder kennt solche Signale, die eine Flut von Erinnerungen auslösen. Kein Wunder, daß wir uns das autobiographische Gedächtnis als eine Art Archiv vorstellen. Menschen, Orte, Dinge, Ereignisse und Gefühle, die in die Lebensgeschichte eingehen, stecken irgendwo da drin - manches vorne, anderes weit hinten. Und wenn man nur das Stichwort findet, kommt jede Erinnerungsakte wieder zum Vorschein.

Eine einleuchtende Vorstellung. So oder ähnlich denken die meisten Laien, behauptet der Amerikaner John Kotre in seinem eben auf deutsch erschienenen Buch "Weiße Handschuhe. Wie das Gedächtnis Lebensgeschichten schreibt". Menschen jeden Alters glauben an die Dauerhaftigkeit von Erinnerungen: Auch Dinge, an die sie sich nicht bewußt erinnern können, halten sie lediglich für verschüttet oder verdrängt; eine Hypnose, eine Psychotherapie, die entsprechende Frage- oder eine Meditationstechnik könnten auch Vergessenes wieder freilegen - in seiner echten, ursprünglichen Form. So oft ist diese Freudsche Sichtweise unseres Gedächtnisses in Büchern, Filmen, Fernsehspielen reproduziert, daß sie zu unserem Alltagswissen zählt. Aber stimmt sie auch?

Nur zum Teil, sagt Kotre, der an der Universität von Michigan-Dearborn Psychologie lehrt. Seit Jahren befaßt er sich mit der erzählten Wahrheit fremder Lebensgeschichten und den Ergebnissen der Hirnforschung. Und die haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten vor allem gezeigt, daß unser Gedächtnis eher interpretiert, als faktengetreu wiedergibt. Es funktioniert eben nicht wie ein Videorecorder, der auf Knopfdruck brav abspult, was er einst aufgezeichnet hat. Vielmehr schreibt das Gedächtnis das Drehbuch unseres Lebens fortlaufend um, es streicht, fügt hinzu und versieht, aus dem Blickwinkel der Gegenwart heraus, längst vergangene Szenen mit neuer Bedeutung: Womöglich erinnern wir uns im Alter von zwanzig an ein Ereignis aus unserer Kindheit ganz anders als mit vierzig. Denn unser Gedächtnis arbeitet im Dienst des menschlichen Bedürfnisses, dem Lebensweg einen erzählbaren Sinn zu geben. Offenbar ist es dabei anfälliger für Suggestionen, als wir bisher glauben wollten.

Zum Beispiel kann man jemandem durchaus eine falsche Erinnerung einpflanzen. Der Psychologin Elisabeth Loftus gelang das in einer vielzitierten Pilotstudie bei dem vierzehnjährigen Chris. Nachdem ihm sein älterer Bruder erzählt hatte, daß er im Alter von fünf Jahren einmal in einer Einkaufspassage verlorengegangen sei und man ihn dann in Begleitung eines alten Mannes wiedergefunden habe, begann Chris, diese erfundene Geschichte seiner Erinnerung einzuverleiben. Lebhaft schilderte er einige Wochen später, welche Angst er damals empfunden hatte; daß der alte Mann nur noch wenig Haare gehabt, ein blaues Hemd und eine Brille getragen habe. Chris hielt diese Erinnerung für echt. Als man ihn nach einiger Zeit fragte, welche von all den Geschichten, die man ihm im Rahmen der Untersuchung erzählt hatte, erfunden gewesen sei, tippte der Vierzehnjährige, ebenso wie die vier anderen Versuchspersonen, auf eine wahre Geschichte.

Das ist typisch dafür, wie unser Gehirn funktioniert. Es vermischt unwillkürlich erlebte mit erzählten Dingen, ein Phänomen namens Kryptomnesie: Ein Bild, das der Erinnerung durch ein Photo oder die Worte eines anderen eingegeben wurde, scheint plötzlich einer eigenen unmittelbaren Erfahrung entsprungen zu sein, schreibt Kotre. Die wirkliche Quelle geht verloren. Auch wenn sich eine Erinnerung lebendig und detailreich präsentiert, läßt sich daraus keineswegs schließen, ob sie kryptisch eingepflanzt wurde oder nicht: "Falsche Erinnerungen sehen genauso aus und fühlen sich genauso an wie echte."

Eine Art unfreiwilliges Experiment, das nicht aus dem Labor eines Forschers stammt, ergab sich in den USA während der Watergate-Affäre. Damals, im Juni 1973, sagte ein Zeuge, John Dean, vor dem Untersuchungsausschuß des Senats über ein Treffen mit Präsident Richard Nixon aus, das neun Monate zurücklag. Wegen seines genauen Erinnerungsvermögens nannte die Presse Dean gar ein "menschliches Tonbandgerät". Wenig später entdeckte man, daß bei dem Treffen mit Nixon tatsächlich ein Tonband mitgelaufen war. Es stellte sich heraus, daß der Zeuge sich vor Gericht an manche Einzelheiten der Unterredung "erinnert" hatte, die sich bei dieser Gelegenheit gar nicht zugetragen hatten. Spätere Ereignisse und Einsichten waren, auch für Dean selbst unmerklich, in seine Erinnerung eingeflossen; er hatte die eigene Rolle geschönt und im Verlauf von neun Monaten Phantasie und Wirklichkeit miteinander verquickt. Viele Details erwiesen sich als falsch. Im Kern freilich stimmte Deans Aussage.