Es war im Jahr IV der neuen Kalenderordnung, genauer am 29. Fructidor, als der Fischer André Fleischbein nahe beim Straßburger Grünenberg einen leblosen Körper in der Ill treiben sah, ihn bei den Gedeckten Brücken ans Ufer zog und den Behörden übergab. Äußere Verletzungen wurden nicht festgestellt. Auskünften zufolge, die der zuständige Friedensrichter Jean Gerold einholen ließ, handelte es sich bei dem Toten um einen gewissen Stäudlin, angeblich "professeur a Stuttgart". Der Mann habe sich zuvor zwei Tage in der Stadt aufgehalten, und zwar "attaqué de mélancolie", wobei unklar bleibt, wer das feststellen konnte. Im Wasser hätte er etwa 24 Stunden gelegen.

So wurde es, nach alter Zeitrechnung am 15. September 1796, zu den Akten genommen.

Der Abschiedsbrief datiert vom 11. September. Er ist an eine Tante gerichtet, die der Mutter schonend die Nachricht von seinem Tod überbringen sollte. "Sagen Sie ihr, daß mein Leben ja schon längst nichts, als der stete Gegenstand eines nagenden Kummers für sie gewesen seie, und daß sie ja nun nicht mehr um ihren unglücklichen Sohn bekümmert sein dürfte, der endlich seine Versorgung, welche sie ihm so sehnlich in all ihren Briefen wünschte, im - Grabe gefunden hat." Zu diesem Zeitpunkt quälten ihn depressive Schübe, er war politisch desillusioniert, bankrott und verleumdet. Mit knapp 38 Jahren gab er auf.

Es hatte anders begonnen, strahlend. Gotthold Friedrich Stäudlin wurde am 15. Oktober 1758 als zweiter Sohn einer wohlhabenden Beamtenfamilie geboren. Bereits als Gymnasiast machte er auf sein außerordentliches Talent aufmerksam mit sechzehn wurden erste Gedichte von ihm in Balthasar Haugs Schwäbischem Magazin von gelehrten Sachen und in der nicht minder angesehenen Mannheimer Schreibtafel veröffentlicht, und selbst Christian Friedrich Daniel Schubart zeigte sich beeindruckt: Der Debütant sei "das beste dichterische Genie im Württembergischen", voller "Einbildungskraft, Darstellung, Feuer, großer Gesinnung und Sprachstärke".

Vom Gymnasium als Poeta laureatus verabschiedet, bezieht er im Herbst 1776 die Tübinger Universität als Student der Rechte und schreibt eifrig Oden und Lieder im hymnischen Ton. Ein langes Gedicht an den Schweizer Lyriker und Naturforscher Albrecht von Haller geht 1779 in Druck, und Stäudlin sucht bald darauf die Korrespondenz mit dem achtzigjährigen Johann Jakob Bodmer, der ihm beifällig antwortet wie später auch Klopstock. Er darf sich bestätigt fühlen und nimmt verwegen Maß: Seiner Teilübersetzung der Vergilschen "Aeneis", 1781 bei Cotta verlegt, sind recht unbescheidenerweise eigene Verse angefügt. Und schließlich, im Oktober desselben Jahres, wirft er sich gar zum "Heerführer" wenigstens der regionalen Musen auf. Der Schwäbische Musenalmanach soll - schreibt Anthologie-Herausgeber Stäudlin im Vorwort - nichts weniger sein als: "Für alle schwäbischen Geisteskinder / Ein Findelhaus!"

Mit nicht ganz 23 Jahren war er auf dem Höhepunkt seines Erfolges.