Wege des Verstehens: Diesen Titel wählte der Konstanzer Emeritus und Literaturwissenschaftler Hans Robert Jauß für sein jüngstes Buch. Vergangene Woche schlug er in einem langen Gespräch mit Le Monde auf ganz andere Art die Wege des Verstehens ein. Es ging nicht um die Rezeption von Literatur quer durch die Epochen, die diesen Romanisten verdientermaßen berühmt gemacht hatte. Es ging um seine eigene Vergangenheit: Jauß, Jahrgang 1921, war im Oktober 1939 in die Waffen-SS eingetreten und führte bereits ein Jahr später eine Kompanie an der Ostfront. Er erhielt 1944 für Tapferkeit das Deutsche Kreuz in Gold nach Kriegsende bescheinigte ihm ein Gericht, daß er an Verbrechen nicht beteiligt war. Seine SS-Jahre hatte Jauß im folgenden nicht verleugnet.

"Ich war damals ein junger Mann, der sich an die Zeitläufte anpassen wollte", blickt Jauß im Monde-Gespräch zurück. Der Wille, bloß nicht am Rande der Gegenwart und in einer "ästhetischen Haltung" zu verharren, während "unsere Klassenkameraden ihr Leben wagen", all das habe zu seiner Entscheidung 1939 beigetragen. Im Rückblick schildert der Interpret von Proust und Baudelaire seinen Entschluß in merkwürdig passivischer Form, sagt "ce qui m'a décidé", "was mich dazu gebracht hat": ein Getriebener also, ein Blatt im Sturm jener Zeit?

Die zweite aufschlußreiche Passage des Gesprächs kreist um das Schweigen einer ganzen Generation von Wissenschaftlern und Intellektuellen danach. Dieses Schweigen, das Schuld und Scham umfasse, verknüpft sich für Jauß mit "der Weigerung, zu verstehen, was unmenschlich ist". Denn wer alles zu verstehen suche, glaubt er, könne auch alles verzeihen, das aber sei unzulässig. Und wer den Genozid studiere, dürfe einfach nicht verstehen, ja er müsse sich dem sogar verweigern.

Ein eigenartiger Gedanke für einen Wissenschaftler aus der Schule des Verstehens. Denn Verstehen ist ja das Schlüsselwort einer Hermeneutik, deren Ahnenreihe von Heidegger und Gadamer bis eben zu Hans Robert Jauß und der Konstanzer Schule reicht. Wollte sie nicht eben noch die Brücke vom Verstehen zur Verständigung schlagen?

Ist nicht auch eine Verständigung - Verständnis wäre etwas ganz anderes - über das Ungeheuerliche der Nazizeit zunächst auf Verstehen der Fakten angewiesen? Jauß jedoch fürchtet die Naivität eines Positivismus und dessen Glauben an die "Allmacht der historischen oder soziologischen Analysen": ein Gedanke, gespeist aus bitterer Einsicht ins eigene Versagen. Aber er schiebt sich wie ein Schleier vor das, was restlos noch lange nicht aufgeklärt ist, was vermutlich in jeder und für jede Generation erneut erhellt und verstanden werden muß. Fast scheint es, als wirke im Mißtrauen gegenüber positivistischen Analysen, gegenüber den nackten Tatsachen jene ästhetische Haltung nach, die Jauß vor einem halben Jahrhundert nicht ertragen wollte. Damals erschien sie ihm als Flucht vor der Wirklichkeit.

Damit soll Hans Robert Jauß nicht unterstellt werden, seine wissenschaftliche Rezeptionsästhetik, die sich überaus erhellend mit dem Verhältnis von Werk und Leser beschäftigt, gründe in dieser einzigen Erfahrung eines jungen Mannes. Anlaß der Kontroverse um seine SS-Vergangenheit, wie sie im Frühjahr in der Frankfurter Rundschau publik wurde, war ein Aufsatz des Romanisten Earl Jeffrey Richards. Dem berühmten Kollegen hatte Richards bewußte Täuschung der Gelehrtenwelt vorgehalten und behauptet, dessen gesamtes Theoriegebäude sollte nur jene SS-Zeit überwölben und verhüllen. Die Wege des Verstehens hat Richards dabei verlassen und sich ins Unterholz der Unterstellung geschlagen. Nur wirken diese Wege auch in den Antworten von Hans Robert Jauß merkwürdig schmal, gefährlich begrenzt von Denkverboten.