Am Tag des Frühlingsanfangs, am 21. März 1933, setzte die zwölfjährige Winterzeit der Demokratie in Deutschland ein. Hitler lud in die Potsdamer Garnisonskirche. Und alle, alle kamen. Das Volk, Deutschlands Elite, die Vertreter von Industrie, Adel, Militär, Kirchen. Hitler erhielt die offiziellen Weihen. Der Tag der feierlichen Eröffnung des Reichstags, der am 5. März gewählt wurde und kein eigenes Dach mehr hatte, wurde zum "Tag von Potsdam". Erstaunlich, wie schnell der eigentliche Anlaß der ersten Großdeutschland-Demonstration in Vergessenheit geriet. In Erinnerung blieb der zum bürgerlichen Biedermann getrimmte A. H., der mit dienerischer Geste dem Reichspräsidenten Hindenburg die Hand reichte. Das Schauspiel von Potsdam suggerierte der staunenden Welt eine Einbildung des Franz von Papen, eines Vorgängers Hitlers im Kanzleramt, der gesagt hatte: "Wir haben ihn uns engagiert." Deutschlands arrogante Führungselite hatte noch nicht kapiert, daß sie von einem engagierten Führer arrangiert wurde. Meister in der Inszenierung des schönen Scheins waren die Nationalsozialisten.

Klaus Scheel, dem Historiker, geht es nicht um den schönen Schein, sondern um die konkreten politischen Vorgänge, die Potsdam für die Nazis nötig und wesentlich machte. Angesichts der täglichen Mordbrennerei waren die auflodernden Zweifel über das wahre Wesen der Nazis zu zerstreuen. Das Konzept ging auf. Ganz im Sinne der Reichs-Propaganda-Posaune. Goebbels legte am 17. März fest: "Die Nation muß an diesem Tag teilnehmen." Drei Tage vor dem Termin wußte er: "Er wird von nachhaltiger Wirkung sein."

Das deutsche Kaiserhaus krönte den Staats-Opern-Akt mit den Kostümen des Stahlhelms und der SA, die drei Prinzen trugen. Invaliden der Kriege erhielten bevorzugte Spalierplätze. Friedrich der Große durfte sich im Sarge umdrehen, der in der Garnisonskirche stand.

Am "Tag von Potsdam" erschien in der Münchner Ausgabe des Völkischen Beobachters eine Mitteilung über die Errichtung des ersten Konzentrationslagers in Dachau. Wer hat das am "Führer"-Frühlingstag von Potsdam gelesen und gewußt, was dem Land tatsächlich geschieht? Die Dokumentation von Klaus Scheel hellt auf. Vergangenheit, versteht sich. Vergangenheit?

Als wäre die Manipulation der Massen nur eine Sache der Vergangenheit!

Klaus Scheel:

Der Tag von Potsdam