Für den SPD-Landesvorsitzenden von Brandenburg, Steffen Reiche, ist es klar: Der Vorschlag, Rosemarie Will (47) als Richterin ans Landesverfassungsgericht zu berufen, ist "ein Signal, daß Menschen willkommen sind, die einen Wandel vollzogen haben". Diese Lockabsicht wird trefflich von Interviews des Potsdamer Regierungschefs Manfred Stolpe flankiert, in denen er die Offenheit seiner Partei für ehemalige SED-Mitglieder betont. Kein Wunder, daß eine solche Instrumentalisierung der ehemaligen SED-Juristin und Humboldt-Professorin die brandenburgische CDU empört. Aber auch die Mitbegründerin der Sozialdemokratie (SDP) in der DDR, Angelika Barbe, der SPD-Bundestagsabgeordnete Stefan Hilsberg und Bürgerrechtler protestieren. Angelika Barbe beklagt, nun werde die Landesverfassung in die Hände einer "gewendeten Opportunistin" und "gewieften SED-Juristin" gelegt. Solche Kritik bügelt SPD-Fraktionschef Wolfgang Birthler ab: Frau Barbe sei "krank und wendegeschädigt".

Argumente im Handgemenge, die keine differenzierte Prüfung der gebrochenen und zugleich überaus erfolgreichen Vita der Rosemarie Will erlauben: SED-Reformerin, Runder Tisch, Dekanin an der Humboldt-Universität in der Zeit des Umbruchs, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Bundesverfassungsgericht, Eintritt in die SPD in Karlsruhe und schließlich Mitglied der Grundwertekommission der SPD. Gegner zweifeln nicht an ihrer Kompetenz, aber wohl an ihrem Rechtsstaatsbewußtsein. Die SPD wiederum will die Sache durchziehen und fragt sich nicht, ob eine Kampfkandidatur unter solchen Vorzeichen die künftige Spruchpraxis des Verfassungsgerichtes ins schiefe Licht rücken könnte. Die Situation ist pikant: Die freie Richterstelle gehört eigentlich auf das "Ticket" der Grünen, die nicht im Landtag vertreten sind. Die PDS hält wegen dieser Formalie den SPD-Vorschlag für nicht statthaft und "arrogant".

Manche PDS-Abgeordnete lehnen allerdings Frau Will auch insgeheim als Renegatin ab. Jetzt werden entweder die PDS oder die CDU oder beide Parteien den grünen Kandidaten, den Bremer Verfassungsrechtler Ulrich K. Preuß, vorschlagen. Er war Anfang 1990 Mitstreiter von Rosemarie Will bei der Ausarbeitung der Verfassung des Runden Tischs.

Ihre Rolle als umstrittenes politisches Signal provoziert bei Rosemarie Will Trotz: "Ich kann jetzt nicht kneifen, bin auch einverstanden, als Symbol erschossen zu werden." Gegenüber der Presse will sie nicht länger schweigen, auch weil Konrad Weiß ihr vorwarf, sie habe 1995 in dem Buch "Rechtswissenschaft in der DDR - Was wird bleiben?" die Juristerei der SED gerechtfertigt.

Die "Uninformiertheit" ihrer Gegner! Denn tatsächlich war es eine Festschrift für ihren Doktorvater Friedrich Tech. Bei ihrem Aufsatz "Was bleibt?" ging es um Christa Wolf und das Scheitern im intellektuellen Streit zwischen Ost und West. Ein Schlüsselzitat: Das Projekt der DDR-Reformer sei 1989 gescheitert, aber "sind auch diejenigen, die daran mitwirkten, gescheitert?"

Ihre Maxime jedenfalls war es, im politischen Scheitern nicht zu scheitern, mit dem historischen Bruch 1989/90 nicht zu zerbrechen, sondern "den Gestaltungsspielraum zu nutzen", "produktiv zu bleiben".

Eher beiläufige tonlose Wendungen sind typisch für sie: "Es macht keinen Sinn, an Niederlagen kaputtzugehen." Diejenigen, die ihr eine lupenreine SED-Karriere vorwerfen, können sich auf den einwandfreien DDR-Lebenslauf berufen. Tochter eines "Neulehrers" aus der Lausitz, frühe Entscheidung für eine akademische Laufbahn, Studium an der Humboldt-Universität und in der Sowjetunion, Dozentin. Sie hat mitgemacht bis hin zu Kampfgruppenübungen auf dem Universitätshof.