USEDOM. - Die Grillen zirpen, das hohe Gras beugt sich im Wind, der vom nahen Meer herüberweht. Die wellige, 55 000 Quadratmeter große Fläche erinnert an einen Truppenübungsplatz. Und sie ist auch so gesichert: Übermannshoher Maschendraht sperrt den Zutritt ab. Rissige Betonplatten bilden eine provisorische Straße. Vergilbte Schilder warnen: "Lebensgefahr! Betreten und Befahren verboten".

Das Gelände auf der Ostseeinsel Usedom zwischen den Seebädern Bansin und Heringsdorf wirkt von nahem enttäuschend unspektakulär.

Zwei hellblaue Rohre mit Ventilen und Absperrhähnen ragen knapp zwei Meter aus dem sandigen Boden. Nur die Warnschilder "Explosionsgefahr!"

lassen ahnen, daß hier noch mehr sein muß. Tief unter der Grasnarbe, rund 2700 Meter unter dem Meeresspiegel, haben schon vor fünfzehn Jahren Ingenieure des damaligen DDR-Kombinats Erdöl-Erdgas-Gommern (EEG) eine mit Stickstoff, Methan und Kohlendioxid gefüllte Blase entdeckt. Und wäre da nicht das blaue Rohrsystem, das das hochgiftige Gas zurückhält, würde es mit gewaltigem Druck an die Oberfläche schießen und sich über der in Sichtweite liegenden Strandpromenade ausbreiten.

Entlang des Uferweges sind mittlerweile viele der alten Villen saniert, die den Charme der sogenannten Kaiserbäder Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck ausmachen: weiß und hellgelb die Fassaden, gepflegt und sauber die Gärten. Die Promenade, autofrei und radfahrerfreundlich, wird mit Natursteinen gerade neu gestaltet. Vom breiten, feinkörnigen Sandstrand aus ist im Osten schon der polnische Teil der Insel zu sehen. Die Strandkörbe kehren dem starken Wind vom Meer ihren Rücken zu und blicken auf die wilhelminischen Fassaden. Die überwiegend älteren Touristen, die jetzt in der Nachsaison Urlaub machen, finden vornehme Ruhe und Luxus. An vielen Ferienhäusern hängen Schilder mit dem Hinweis "Belegt", die Cafés im Zentrum von Bansin sind gut besucht, die Wirte können nicht klagen. Im immer härter werdenden Konkurrenzkampf der Urlaubszentren an der Ost- und Nordseeküste haben die drei Seebäder auf Usedom ihre Nische im Edeltourismus gefunden.

Neun Millionen Kubikmeter Erdgas sollen hier schlummern - das ist genug, um eines der größten Gasunternehmen der Welt, die Gaz de France, zu interessieren. Vierhundert Millionen Mark soll der Bodenschatz angeblich wert sein. 1994 hat das französische Unternehmen die ehemals volkseigene ostdeutsche Erdöl- und Erdgasindustrie mit Sitz in Gommern bei Magdeburg von der Treuhandanstalt übernommen und damit auch die im Berggesetz verbürgten Förderrechte erworben.

Spätestens in drei Jahren soll die Erdgasförderung auf der zweitgrößten deutschen Insel beginnen. Dann werden hier Bohrtürme und brennende, vierzig Meter hohe Schlote stehen: für Anwohner, Umweltschützer und Investoren eine Horrorvorstellung. Außerdem wird die EEG eine komplette Aufbereitungsanlage auf die grüne Wiese setzen, denn das hier lagernde sogenannte Naßgas muß an Ort und Stelle veredelt werden. Wegen der darin enthaltenen hochgiftigen Bestandteile darf es nicht ins Hinterland abtransportiert und dort aufbereitet werden.