STELLEN SIE SICH VOR, jemand bietet Ihnen eine neue Art von Buch an: Es hat zwar noch so etwas wie Seiten, doch immer wieder tauchen Wörter in ihm auf, die Sie in andere Bücher entführen, die Sie wiederum in Bildergalerien gelangen lassen, von dort in einen Konzertsaal und immer so fort. Allerdings müssen Sie, um dieses neue Ding lesen zu können, eine Umblättermaschine kaufen, die nicht unter 2000 Mark zu haben ist. Wahrscheinlich besitzen Sie längst eine solche Maschine. Quatsch? Keineswegs. Sie steht direkt vor Ihnen. Es ist Ihr Computer samt seinem Modem.

Mit einem Buch, wie Sie es kennen, hat diese neue Form des Publizierens wenig zu tun. Denn nicht nur die Seite, das Grundelement von Manuskript und Zeitschrift, bringt der Computer zum Verschwinden, auch die Schrift verwandelt sich und gewinnt eine neue Rolle: Sie überschreitet die Seiten und entführt Sie in die Weiten eines neuen Raums. Und zwar ins Internet - in jenes weltumspannende Netz von Computern, an das sich jeder anschließen kann und wo solche Publikationen, genannt Hypertext, zu finden sind.

DOCH AUCH DAS VERFASSEN von Texten verändert der Computer. Mit dessen Schreibprogrammen ist das Prinzip der Papyrusrolle zu uns zurückgekehrt: Am Bildschirm beschreibt man keine einzelne Seite mehr, sondern eine endlose Rolle, auf der man sich problemlos auf- und abwärts bewegen kann. Zudem kann man schwer erkennen, wann ein Text fertig ist, denn auf dem Bildschirm befindet er sich vom ersten Augenblick an im Zustand der Reinschrift. Es gibt keine Korrekturen per Hand mehr, die ein Manuskript verschmutzen können, nur mehr den dauernden Anschein, der Text sei vollendet. Wenn seinerzeit der große Dichter mit einem Computer geschrieben hätte, wer weiß, ob wir nicht nur Goethes "Fast" statt Goethes "Faust" bekommen hätten. Auch die Möglichkeit, Textteile beliebig herauszuschneiden und sie über die Computer-Papyrusrolle zu verschieben, verändert das Schreiben. Das lineare, eisbrecherhafte Voranarbeiten durch den Stoff nimmt ab, Texte entstehen am Computer eher skulptural, vergleichbar der Tätigkeit eines Töpfers oder Bildhauers, der immer wieder um das Grobgeformte herumgeht, um es zu verbessern. Da wir mit dieser Form des räumlichen Schreibens noch keine große Übung haben, entstehen oft inkonsistente, zerstreute Texte.

DAZU KOMMEN die Eigenarten des Hypertextes, formal auszufransen: Er wuchert organisch. Aus einzelnen Wörtern, Wendungen oder Bildern entsteht ein Wurzelwerk aus Verweisen, die man Links nennt; sie sind im schwarzen Textkörper farbig hervorgehoben. Ein Mausklick auf so einen Link kann, im Unterschied zur herkömmlichen Fußnote, direkt zu einer anderen Stelle im Text führen, oder aber der Link führt uns hinaus in das enzyklopädische Universum des Internet zu einem der Abermillionen anderen Texte und Dateien, die dort gespeichert sind.

So werden Arbeiten fremder Autoren in die eigenen Texte integriert, das Verfassen von Literatur wird ein gemeinschaftliches Projekt. Daraus entsteht ein ganz eigener Reiz, den andere Formen des Schreibens nicht leisten können.

DOCH WIE GEHT MAN UM mit dieser neuen Form der Literatur? Auf jeden Fall anders als mit Büchern, die man in einem wohltuenden Rhythmus von Lesen und Blättern rezipiert, und sei der Band auch noch so dick. Elektronische Texte hingegen, die länger als eine Seite sind, werden nicht gelesen - der Bildschirm ist dazu einfach nicht geschaffen. Daraus hat sich ein neues Format entwickelt, die sogenannten Infoids. Darunter versteht man bildschirmgerechte Texthäppchen, die rasch zu lesen sind. In der Folge freilich kann man sie durch Links zu einem schönen Hypertext-Gewebe verketten.