Lübeck

Lübeck hat sich offenbar auf einen langen Prozeß eingestellt.

Vor dem Gerichtsgebäude am Burgfeld wurden neue Halteverbotsschilder angebracht, "Mo, Mi, 0-24 h" steht darunter. Montags und mittwochs wird wegen des Brandes im Asylbewerberheim an der Hafenstraße verhandelt, bei dem am 18. Januar dieses Jahres 10 Menschen getötet und 38 verletzt wurden. Montags und mittwochs herrscht Sicherheitsstufe eins.

Am dritten Verhandlungstag bildet sich wieder eine Menschentraube hinter den Absperrgittern, fünfzehn Kamerateams zielen erwartungsvoll auf den Seiteneingang des Gerichts, durch den die Zuschauer zum Saal 163 gelangen. Dort findet der Prozeß gegen den jungen Libanesen Safwan Eid statt. Doch die Hoffnungen der Bilderjäger werden enttäuscht, denn sie bekommen jenen Mann nicht vor die Linse, auf dessen Aussage das ganze Verfahren gründet.

Der betritt den Zeugenstand erst, als alle Photographen den Raum verlassen haben, und wirft ein freundliches "guten Morgen" halb zum Gericht und halb ins Publikum. Hochgewachsen, schlaksig ist Jens L., ein 26 Jahre alter Angstellter eines Lübecker Großmarktes.

Kurzhaarschnitt, Jeanshemd, grüne Hose, die bayerischen Haferl- schuhe schwarz und blank. Ein durch und durch normaler Typ. Die Lübecker Staatsanwaltschaft hält Jens L. für einen idealen Zeugen, besonnen, ausgeglichen, kein Spinner. Er ist der einzige Zeuge der Anklage.

Im Saal ist es leise, als Jens L. mit ruhiger, heller Stimme erzählt: Wie er, der ehrenamtlich als Sanitäter für das Rote Kreuz Dienst leistet, am Morgen des 18. Januar zu dem brennenden Asylbewerberheim gerufen wurde. Wie er in einem Bus der Stadtwerke Leichtverletzte ins Krankenhaus begleiten sollte und wie ihm der junge schwarzhaarige Mann in orientalischen Pluderhosen auffiel, der regungslos auf dem mittleren Sitz der letzten Bank saß. Diese Stille kann, so hat er bei früheren Einsätzen gelernt, ein bedrohliches Zeichen sein. Also hat er sich vor den auf den Boden blickenden Mann gehockt, die beiden rußigen Hände in die seinen genommen, den Puls gefühlt und gefragt: "Alles okay?" Die Antwort blieb der Patient schuldig.