In Resende scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Die Bewohner der Stadt am Rio Paraiba do Sul brauchen ihre Wohnungstüren nicht abzuschließen, das Gefängnis steht leer, der Polizeichef hat Zeit für ein Schwätzchen. Mit der idyllischen Ruhe ist es aber bald vorbei. Am Stadtrand walzen Planierraupen ein Areal platt, auf das hundert Fußballfelder passen. Volkswagen do Brasil errichtet ein Montagewerk für Nutzfahrzeuge. In wenigen Monaten werden die Werkhallen stehen, und am 1. November soll der erste Lastwagen vom Band rollen.

Raimundo Araújo de Oliveira fiebert diesem Tag entgegen. Der Automechaniker mußte sich lange genug mit Gelegenheitsjobs durchschlagen. Jetzt hofft er auf "Volks". Die werden doch einen alten Fuchs wie ihn, der einen "Käfer"-Motor im Schlaf montieren kann, nicht links liegenlassen? Fünf Real, also etwa fünf U-Dollar, soll es die Stunde geben, vierzig Stunden die Woche. Oder etwa nicht? Die Gewerkschaft behauptet, im Schnitt würden nur rund 450 Dollar Monatsgehalt rauskommen - gerade mal ein Drittel von dem, was die Kollegen in Sao Paulo verdienen. Die Unternehmer können sich leisten, trotz der niedrigen Löhne nur die Besten zu nehmen. Hinter jedem Bewerber wartet eine Schlange anderer.

Welch ein Jubel, als VW seine Wahl für Resende bekanntgab! Endlich neue Arbeitsplätze auch für das nahe gelegene Rio de Janeiro!

Bürgermeister Augusto Leivas hatte sich krummgelegt, um den Managern von Volkswagen seine Stadt schmackhaft zu machen: Grundsteuer-Befreiung, billige Stromtarife, beste Straßenanbindung - selbst das Flugfeld hat man rasch asphaltiert, damit die deutschen Bosse direkt einfliegen können. Und der Staatspräsident persönlich hatte sich für Resende verwendet.

Mit der Autoproduktion begann in den sechziger Jahren die Industrialisierung des Landes. Die brasilianische Wirtschaft unternahm gewaltige Sprünge nach vorn die Autoindustrie schlug den Takt mit zwanzig Prozent Wachstum im Jahr. Unter dem Schutz hoher Zölle erwirtschaftete das Oligopol der Autobauer prächtige Gewinne, ohne groß in Forschung und Technik zu investieren. Die Autokonzerne VW, Ford und General Motors ließen in Brasilien ihre längst abgeschriebenen Maschinen aus dem Mutterland bis zur Verschrottung laufen 1980 war Brasilien mit einer Jahresproduktion von über einer Million Einheiten bereits zum achtgrößten Autoproduzenten der Welt aufgestiegen. Auf dieser Position steht das größte lateinamerikanische Land noch heute: Brasilien baut mehr Autos als England und nur etwas weniger als Spanien. Im Jahre 2000 wird das Land unter den ersten vier oder fünf weltweiten Standorten sein und vermutlich mehr Unternehmen der Autobranche beherbergen als jeder andere Markt, prophezeit Planungsminister José Serra.

Die Auto-Multis investieren in Brasilien nicht Milliarden Dollars aus Menschenfreundlichkeit. Die Marktöffnung nötigt sie vielmehr dazu. Mit einem Bully beispielsweise, dessen Technik noch aus den sechziger Jahren stammt, kann VW do Brasil gegen die aus Korea und Japan importierten Kleintransporter nicht mehr konkurrieren.

Fiat hatte als Nachzügler - die Italiener kamen erst 1976 mit eigenen Fabriken nach Brasilien - von Anfang an auf modernste Technik bei der Produktion von Weltautos gesetzt, jetzt müssen die anderen nachziehen.