Wer weiß schon, daß es im nördlich gelegenen Bremer Ortsteil Farge den gewaltigen Bunker Valentin gibt, von 1943 bis zum bitteren Ende in hektischer Eile für den Bau von Unterseebooten errichtet?

Die Ruine ist gigantisch: viereinhalb Meter dick die Wände, siebeneinhalb Meter die mit Stahl armierte Decke, darauf noch eine meterdicke Betondecke zum Abfangen der Bomben fast einen halben Kilometer lang, siebzig bis hundert Meter breit, über der Erde fünfundzwanzig Meter hoch. "Daß der ganze, circa 120 Millionen Reichsmark kostende Bau mit seiner gewaltigen Dimension angesichts der aussichtslosen Lage des Deutschen Reiches militärisch immer unsinniger wurde, tat der Zielstrebigkeit des Ausbaus keinen Abbruch", schreibt Hartmut Roder in seinem ernüchternden Aufsatz über diese "Stätte des Terrors und der Vernichtung". Fast die Hälfte der 10 000 Zwangsarbeiter kamen hier ums Leben.

Einerseits ist der Bunker zwar ein superlativisches Monstrum, das allein mit seiner Planung und seiner Konstruktion die technische Neugier reizt. Andererseits aber ist es seine gewalttätige Entstehung, die die Aufmerksamkeit provoziert. Für den Photographen Rüdiger Lubricht, der nach Kriegsende zwei Jahrzehnte lang in der Nähe gewohnt hat, war das Gelände "ein Abenteuerspielplatz - faszinierend und angsteinflößend", bis ihm eines Tages "das gesamte Ausmaß der Tragik der mit seinem Bau verknüpften menschlichen Schicksale" aufging. Über alles dies berichtet das Buch "Fabrik für die Ewigkeit", über das architektonische Streben der Nazis, über die Baustelle, die Konstruktion des riesigen Bunkers, in Schwarzweißphotographien über seinen Zustand heute. Jahrelang war das Betongespenst aus der Erinnerung verdrängt erst in den achtziger Jahren rührte man an das Verbrechen, das in ihm verkörpert ist: an die Leiden der KZ-Häftlinge und der Zwangsarbeiter, die hier gequält, ausgebeutet, zu Tode geschunden worden sind.

Was in diesem Buch aber nur einen kleinen Teil ausmacht, breitet gottlob ein anderes unter dem traurig-sarkastischen Titel "Hortensien in Farge" aus. Erst der Untertitel sagt, worum es geht: um das "Überleben im Bunker ,Valentin`". Es enthält, von Bärbel Gemmeke-Stenzel und Barbara Johr herausgegeben und sehr schön eingeleitet, vor allem den Bericht des Franzosen Raymond Portefaix: "Vernichtung durch Arbeit - Das Außenkommando Bremen-Farge".

Es ist eine, vor allem durch ihre Nüchternheit erschütternde Lektüre.

Und sie ist so notwendig wie je, vor allem angesichts der Neigung, beim Betrachten so gewaltiger bau- und kriegstechnischer Bauten wie des Bremer Bunkers das furchtbare Schicksal der damals meist jungen, unschuldigen, gehaßten, entwürdigten Menschen aus so vielen unterjochten Ländern zu übergehen.

Wir finden in dem Band auch sechs Leidensgedichte des Franzosen André Migdal und ein Feuilleton des Niederländers Klaas Touber, in dessen Erinnerung die Hortensien, mannshoch, beim Lager Farge 1943 blühen, in "wilder Pracht", "Schönheit in einer hassenswerten Welt". Wann immer er seitdem Hortensien blühen sieht, steigen in ihm Angst, Hunger, Schmerz, Demütigung auf. Düstere Bilder einer "photographischen Recherche" von Lutz Poltrock 1989 illustrieren, was einem beim Lesen so durch den Kopf geht.