Pretoria

Die Gläser der Hornbrille dick wie Panzerglas. Der Scheitel akkurat auf Höhe der Augenbrauen. Das dichte Vorderhaar tief in die Stirn gekämmt. Sonstige besondere Kennzeichen: keine. Der Mann ist weder klein noch auffällig groß. Er spricht nicht laut, nicht leise.

Ein Bure im taubengrauen Billiganzug, wie man ihm am Schalter der Volkskasse begegnen könnte oder im Stadtbauamt - das vollendete Mittelmaß des weißen Südafrikaners.

Dieser blasse, unscheinbare Zeitgenosse rühmt sich böser Taten: "Ich war der wirkungsvollste Killer des Staates." Sein Spitzname lautete "Prime Evil", das Urböse. Eugene de Kock, Exgeheimpolizist, 48 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, schuldig befunden in 89 Anklagepunkten, darunter sechsfacher Mord, Anstiftung zum Mord in zwei Fällen, Waffenschieberei, Betrug und Diebstahl. Achtzehn Verhandlungsmonate hat der Täter geschwiegen. Seit Montag der Vorwoche packt er aus. Weil die südafrikanische Strafprozeßordnung Schuldspruch und Strafzumessung trennt, kann sich de Kock selber nicht mehr schaden. Aber er hofft, seine Strafe zu mildern - und später womöglich die Wahrheitskommission zu einer Amnestie zu bewegen -, indem er hochrangige Waffenbrüder anschwärzt, die Chefexekutoren der Apartheid, die weißen Hintermänner und ihre schwarzen Handlanger, die Befehlshaber bis hinauf zu den Präsidenten.

Die aber wollen ihren schärfsten Kampfhund nicht mehr kennen.

Wollen nichts mehr wissen von der Dreckarbeit, die er verrichtete, mit ihrem Segen, im heiligen Krieg gegen die swart gevaar, die "schwarze Gefahr". Draußen prangt neuerdings die Aufschrift kgorotshekelo, ya, bosenyi - "Gerichtssaal" in den Sprachen Sotho, Tswana und Pedi. Der Erzfeind hat gesiegt, und de Kock hat nichts mehr zu verlieren. Er reckt den Kopf zwischen den hochgezogenen Schultern heraus, vorsichtig wie eine Schildkröte. Schaut in die Palisaden der Richterempore. Und redet: detailversessen, emotionslos, scheinbar ohne Reue.

Das Publikum - auf den hinteren Holzbänken sitzen auch ein paar Schwarze - hört eine Litanei von Verbrechen. De Kock hat sie als Kommandeur der Einheit C 10, der Terrorzelle der Geheimpolizei in Vlakplaas, angestiftet oder selber ausgeführt.