München

Eine Stimme für Daniel Jonah Goldhagen! Den Namen des jungen Harvard-Dozenten, der mit seinem Buch über "Hitlers willige Vollstrecker" so viel Aufsehen erregt, hatte jemand auf seine Stimmkarte geschrieben, als der Historikerverband seinen neuen Vorsitzenden wählen wollte.

Der Nachfolger Lothar Galls - Johannes Fried, Mediävist aus Frankfurt - stand ohnehin fest, da konnte man sich ein Späßchen schon einmal erlauben. Aber es war die einzige Form, in der sich der 41. Deutsche Historikertag "offiziell" mit Goldhagen befaßte.

Zu schreiben ist in Wahrheit die Geschichte einer Verstörung.

Es mag unfair erscheinen, den Deutschen Historikertag mit seiner ausufernden und feinziselierten Themenpalette ausgerechnet am Umgang mit einer Frage zu messen, der er ausweichen wollte - aber ein kleines Selbstportrait lieferte die Disziplin damit eben doch.

Wie kommt es, daß die in Ehren ergrauten Vertreter der Zunft, gerade die renommierten Holocaust-Forscher, derart in die Defensive gerieten? Und stimmt es denn, sie - gemessen an Daniel Goldhagens These, "die Deutschen" hätten ihren Antisemitismus zum nationalen Vernichtungsprojekt gemacht - als "Relativierer" einzustufen?

Er sehe sich einer "Einheitsfront der entrüsteten Wissenschaftler" gegenüber, spottete der israelische Historiker Mosche Zimmermann während einer Podiumsdiskussion, die zwei Verlage, Campus und S. Fischer, spontan in München veranstaltet hatten. Thema: Goldhagen - kein Thema für den Historikertag?