Bern Ein grauer Novembermorgen im vorigen Jahr.Der Saal im St.Galler Bezirksgericht ist gedrängt voll.Lauter alte Menschen sitzen auf den Zuschauerbänken: jüdische Männer und Frauen, die vor fünfzig Jahren vor dem Hitler-Regime in die Schweiz geflüchtet waren. "Viele Schweizer haben sich damals überaus menschlich verhalten", sagt der 77jährige Karl Haber."Doch die Behörden verschanzten sich hinter ihren Vorschriften bei manchen Politikern spürten wir Angst, Feigheit und Ablehnung."Er und die übrigen aus aller Welt angereisten Prozeßbeobachter waren gekommen, um zugegen zu sein, wie ein Mann endlich juristisch rehabilitiert wird, der sich anders, mutiger verhalten hatte und dem sie seinerzeit die Flucht verdankten: der St.Galler Polizeihauptmann Pa ul Grüninger. Er hatte sich über Schweizer Gesetze und die Weisungen des helvetischen Polizeichefs hinweggesetzt und damit Tausenden von Verfolgten das Leben gerettet.Als das herauskam, war er verurteilt und mit Schimpf und Schande entlassen worden.Es sollte mehr als ein halbes Jahrhundert vergehen, bis seine Ehre vor Gericht wiederhergestellt wurde. Fast ebenso lange brauchte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Genf, um seine Vergangenheit auszuleuchten.Ende der achtziger Jahre öffnete IKRK-Präsident Cornelio Sommaruga dem Genfer Historiker Jean-Claude Favez bislang geheim gehaltene Archive.Das Ergebnis war für alle ernüchternd, die an eine Heldenrolle der humanitären Organisationen im Zweiten Weltkrieg geglaubt hatten: Das Rote Kreuz hatte oft feige geschwiegen und sich hinter einer engen legalistischen Auslegung seines Mandates verkrochen, als es darum ging, den Insassen eines Konzentrationslagers zu helfen. Gewiß, der Spielraum des IKRK war eng gewesen.Aber hätte es nicht mehr tun können, mehr tun müssen? Es ging und geht also beim Umgang der Schweiz mit Nazideutschland nicht nur um Geld und Gold.Dennoch erfahren der Streit um angeblich immer noch auf Schweizer Konten liegende Vermögen von Holocaust-Opfern sowie der Skandal um das damals in die Schweiz verschobene Raubgold der Nazis mehr Aufmerksamkeit als alle anderen Fälle zuvor.Deswegen soll nun sogar das sakrosankte helvetische Bankgeheimnis gelockert werden - sofern das Parlament in Bern dem zustimmt und sich die Bevölkerung in e inem Referendum nicht dagegen sperrt ein gemeinsames Komitee aus Vertretern jüdischer Organisationen und Schweizer Banken soll prüfen, ob es noch "schlummernde" Konten gibt eine Historikerkommission wird einen Bericht über die Rolle der Eidgeno ssenschaften als Finanzdrehscheibe der Nazis erarbeiten.Mit Ergebnissen wird in drei bis fünf Jahren gerechnet . . . Warum stets so langsam, warum immer so lau?Wieso mußte es erst so weit kommen, daß die Weltpresse lustvoll über die Schweiz herzieht, als wäre just das Alpenland für das Wüten der Nazis verantwortlich? Dabei gälte es, die Proportionen zu wahren.Denn härteste Kritik kommt oft aus befangenem Munde.Wenn Großbritannien und die Vereinigten Staaten der Schweizer Nationalbank vorwerfen, noch immer Nazigold in Milliardenwert in ihren Tresoren zu verbergen, müssen sie sich zumindest die Frage gefallen lassen, was denn mit jenen 250 Millionen Franken geschah, welche die Schweiz nach dem Krieg an London und Washington ausgehändigt hat. Warum warten die ursprünglichen Besitzer des Raubgoldes wie Holland, Belgien, Polen, die Tschechoslowakei und andere noch immer darauf? Gerade in England und Amerika scheint der Wunsch zu bestehen, der Schweiz und ihren Banken eins auszuwischen, die sich für dortige Geldhäuser in der City und an der Wall Street allzu erfolgreich tummeln.Und wenn sich britische Abgeordnete oder amerikanische Senatoren gegen die Schweiz ins Zeug legen, so hat das natürlich auch etwas mit Wahlkampf zu tun.Aber kein Zweifel: Helvetia hat offenkundig ein Imageproblem. Die Geschichte holt jetzt auch die Schweiz ein.Den Eidgenossen wird offenbar, daß dieses Kapitel auch fünfzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg noch längst nicht abgeschlossen ist.Die Schweiz war auch damals kein heiles Bergland mit grünen Wiesen, blauen Seen und jodelnden Sennen.Sie war ebensowenig eine Festung, die einzig von ihren wehrhaften Soldaten, ihrem Alpenréduit, einem weisen General und dem lieben Gott vor dem Einfall der Nazis bewahrt wurde.Vielmehr konnte das kleine Land sich a llzu viel Tapferkeit damals gar nicht erlauben.Ein bißchen Kollaboration war nötig, ein wenig Schweigen war klug, etwas Waffenhandel opportun.Die Frage ist allerdings: Haben sich offizielle Stellen den Nazis gegenüber dienstfertiger erwiesen als n ötig?Mußten sie Berlin die Einführung des Judenstempels in deutschen Pässen vorschlagen und Zehntausende von Verfolgten an der Grenze abweisen? Weniger erklärlich als das, was die eingekreiste Schweiz zwischen 1939 und 1945 unter dem massiven Druck der Achsenmächte tat, ist das, was sie seither, befreit von jedem Druck, unterließ: die ehrliche Aufarbeitung jener Zeit.Niemand kann heute mehr behaupten, er wisse nichts von der eigenen Mitschuld.Was derzeit als spektakuläre Enthüllungen angepriesen wird, ist größtenteils längst dokumentiert, von der skandalösen Nationalbankpolitik bis zum Verstecken geraubter Kunstschätze.Es stimmt auch ni cht, daß die Nachkriegsschweizer allesamt mit einer Geschichtslüge groß geworden sind.Max Frischs "Palaver" oder sein "Andorra" werden in den Schulen gelesen, die Kollaboration durchaus im Geschichtsunterricht dargestellt. Gleichwohl hält sich der Mythos der unbeugsamen, neutralen Schweiz bis heute.Daran vermochte selbst ein Friedrich Dürrenmatt nichts zu ändern: "Dieser Versuch, neutral zu bleiben, erinnert mich an die Jungfrau, die in einen Puff geht, Geld verdient, jedoch keusch bleiben will."Der Erste, aber mehr noch der Zweite Weltkrieg waren Schlüsselphasen für die Schweizer Identitätsbildung.Dieser Vielvölkerstaat, der keine Nation ist, hat seine Daseinsberechtigung häufig aus der Ablehnung des umgebenden A uslands bezogen: Man ist Schweizer, weil man nicht Deutscher sein will. Die alten Eidgenossen führten deswegen Kriege, später erfanden sie die Neutralität und glorifizierten sie.Immerhin hat sie das Land 150 Jahre lang von Kriegen verschont, sie hat ihm zudem erlaubt, vom armen Bauernstaat zur reichen Wohlstandsinsel zu werden.Doch heute, nach dem Ende des Kalten Krieges und inmitten eines sich einigenden Europas erscheint das Konzept der Neutralität überholt. Mancher hält dennoch unverrückbar daran fest und rechtfertigt damit nicht nur das Schweizer Abseitsstehen bei den Vereinten Nationen, die Dispens von Blauhelmeinsätzen, sondern auch das Fernbleiben von der Europäischen Union. Die vom rührigen Politiker und Unternehmer Christoph Blocher angeführte "Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz", eine stramm nationalkonservative Bewegung, ist mit ihren 22 000 Mitgliedern einflußreicher als manche Partei.Blocher selbst ist typisch für ihr Credo: Als Konzernherr treibt er Geschäfte rund um den Globus, als Eidgenosse will er sich nicht in die Händel der Welt einmischen. "Es gibt immer noch Schlaumeier, die glauben, es lohne sich, abseits zu stehen", meint der Schriftsteller Adolf Muschg.Damit dürfte langsam Schluß sein.Die neue Vergangenheitsdebatte ist auch deshalb bedeutsam - und zwar für die Zukunft.Sie könnte zur Katharsis werden, wenn die Erkenntnis wächst: Die Schweiz konnte schon im Krieg nicht heldenhaft für sich allein stehen heute ist es erst recht damit vorbei.Es sei denn für dubiose Geldwäscher oder Geschäftemacher, denen vor allem das Bankgehei mnis wichtig ist, das allerdings mittlerweile nicht nur auf den Cayman-Inseln, sondern selbst in Österreich oder Luxemburg strenger ist.Im übrigen: Kann und soll sich die Schweiz damit begnügen, ein hochalpines Monaco zu sein? Will sie zur Bananenrepublik mit ausgebautem Finanzplatz absinken? Im Grunde kann sie es sich gar nicht erlauben.Der Werkplatz, die Handelsdrehscheibe, das Tourismusland Schweiz bieten weit mehr Arbeitsplätze als der Bankenplatz.Um in all diesen Sektoren zu reüssieren, darf sich die Schweiz nicht das zwielichtige Image erlauben, ein Hort windiger Profiteure zu sein. Die Schweizer Geschichte ist eine Meisterleistung an Mythenbildung - von Wilhelm Tell und dem Rütlischwur bis zum Alpenréduit und der Neutralität.Voriges Jahr hat Bundespräsident Kaspar Villiger erstmals offen eingestanden, die Schweiz habe im Zweiten Weltkrieg Schuld auf sich geladen, und sich dafür entschuldigt.Heute bekennt sich der Außenminister zu einer schonungslosen Offenlegung.Vom Mythos Schweiz dürfte danach nicht allzuviel bleiben.Vielleicht wächst auf dessen Trümmern ein n eues, mutigeres, weltoffeneres Selbstverständnis.Es wäre an der Zeit.