Eigentlich sollte das Sparpaket der Bundesregierung den Standort Deutschland fit machen - aber zunächst hat es nur Unruhe in den Betrieben gestiftet.Rechtzeitig zur Grippewelle im Herbst dürfen die Arbeitgeber nun von Gesetzes wegen kranken Mitarbeitern - mit einigen Ausnahmen - das Entgelt um zwanzig Prozent kürzen. Alternativ können die Arbeitnehmer pro Woche Krankheit einen Urlaubstag opfern.Nach sechs Wochen zahlen wie gehabt die Krankenkassen Krankengeld, aber nur noch siebzig Prozent. Doch die Sache ist nicht so einfach, wie sie klingt: Weil Unternehmer und Gewerkschaften heftig im Clinch darüber liegen, was gilt - Gesetz oder Tarifvertrag -, wissen die meisten Arbeitnehmer derzeit noch nicht, woran sie sind.Die Formulierungen in den Tarifverträgen unterscheiden sich nach Branchen und Tarifbezirken.Oft gibt es sogar Unterschiede zwischen Arbeitern und Angestellten im gleichen Betrieb.Die betreffende Klausel kommt in vier Spielarten vor. Erstens: Die Lohnfortzahlung ist gar nicht geregelt, so zum Beispiel bei den Arbeitern im Baugewerbe.Zweitens: Der Tarifvertrag verweist allgemein auf die Gesetzeslage, etwa im nordrhein-westfälischen Gastgewerbe, oder konkret auf das Gesetz von 1969, beispielsweise für die Metallarbeiter im Norden.Drittens: Er enthält eine ausdrückliche, vom Gesetz unabhängige Garantie der Lohnfortzahlung, zum Beispiel im öffentlichen Dienst.Und viertens eine Kombination aus zwei und drei, wie beispiels weise im Bankgewerbe. So beginnt der heiße Herbst in den Schreibstuben der Juristen und vor den Arbeitsgerichten.Gewerkschaften und Arbeitgeber bestellen schon eifrig Gutachten und streiten für die einzelnen Bezirke und Betriebe darüber, was gelten soll - Tarifvertrag oder Gesetz. Manchmal nimmt der Disput der Experten bizarre Formen an.Obwohl der Anspruch auf Lohnfortzahlung ausdrücklich im Vertrag steht, haben die Arbeitgeberjuristen Einwände: Die Klausel sei gar nicht so gemeint, nur "deklaratorisch", sie bestätige das jeweils geltende Gesetz.Wo der Tarifvertrag schlicht auf das Gesetz verweist, behaupten spitzfindige Gewerkschaftsjuristen im Gegenzug, das beziehe sich nur auf das alte Gesetz - nicht auf das neue. Während die Rechtsgelehrten hektisch in den Tarifverträgen blättern, holen die Verbandsvertreter zu publikumswirksamen Schlägen aus. Viele Arbeitgeberverbände - allen voran Gesamtmetall - preschten gleich nach dem Gesetzesbeschluß des Bundestages vor und empfahlen den Unternehmen, möglichst bald zu kürzen.Gewerkschafter und führende SPD-Politiker schimpften über "Tarifbruch" der Arbeitgeber und drohten mit "erbittertem Widerstand" bis hin zu Streiks.Und der Urheber des Gesetzes, Kanzler Helmut Kohl, verkündete erschrocken: "Eine Verschärfung des Konflikts wäre auch wirtschaftlich schädlich." Die Unternehmen müssen sich jedenfalls bis zur Oktober-Gehaltsabrechnung entscheiden, wie sie es mit der Lohnfortzahlung halten wollen. Für die meisten Arbeitgeber dürfte der Kurs jedoch klar sein. Sie wollen die Kann-Bestimmung des Gesetzgebers in ihrem Interesse umsetzen, soweit das möglich ist.Der Vorstand des Daimler-Benz- Konzerns beschloß, die Kürzung im eigenen Haus durchzusetzen - ein Beschluß mit Signalfunktion.Für die Arbeitgeber hat die Standortdebatte endlich Früchte getragen, jetzt muß die Ernte eingefahren werden: "Wir können nicht erst über die Lohnnebenkosten klagen und jetzt plötzlich sagen, wir zahlen doch den vollen Lohn weiter", heißt es unterderhand beim Chemiekonzern Hoechst. Aber die meisten sagen ihren Belegschaften noch nichts Genaues und verweisen auf die Verbände."So dringlich ist das ja noch gar nicht", meint man bei Opel."Sehr sensibel" sei das Ganze, kommentiert der Aachener Marmeladenkocher Zentis.Die Siemens AG verweist auf laufende Beratungen.So reagieren viele Unternehmen. Nicht alle geben letztlich dem Gruppendruck nach.Im Tarifstreit des nordrhein-westfälischen Einzelhandels kauften am vergangenen Wochenende die Arbeitgeber den Gewerkschaften die verlängerten Ladenöffnungszeiten ab - und garantierten im Gegenzug die Lohnfortzahlung bis 1998.Auch einzelne Unternehmen scheren aus: Der Waagenbauer Mettler-Toledo, der sich durch ein innovatives Arbeitszeitmodell und enge Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat einen Namen gemacht hat, will nach Aussagen von Geschäftsführ er Johann Tikart zumindest "voll weiterzahlen, solange es keinen neuen Tarifvertrag gibt". Die finanzielle Absicherung der Kranken kostet die Betriebe im Durchschnitt fünf Prozent der Lohn- und Gehaltssumme.Insgesamt addierte sie sich 1995 nach Angaben des Instituts der Deutschen Wirtschaft auf 60 Milliarden Mark.Dazu kommen indirekte Kosten, etwa durch Vertretungen, Überstundenzahlungen und Auftragsausfälle. Daher war die Lohnfortzahlung den Arbeitgebern schon lange ein Ärgernis - zumal sie die einzige Lohnersatzleistung in Deutschland ist, die hundert Prozent beträgt und damit auch im internationalen Vergleich besonders großzügig ist.DIHT-Chef Hans-Peter Stihl übertrieb sogar: "Diese Regelungen haben uns die höchsten Krankenstände der Welt gebracht" (siehe Graphik). Der neidische Blick der Unternehmer traf zuletzt besonders oft das einstige Wohlfahrtswunderland Schweden.Dort wurde 1991 das Krankengeld auf 75 Prozent in den ersten drei Tagen gekürzt und auf 90 Prozent danach.Claus Schnabel vom Institut der Deutschen Wirtschaft: "Der Krankenstand hat sich in den vergangenen fünf Jahren ungefähr halbiert." Manchen geht die Kürzung auf 80 Prozent noch gar nicht weit genug. "Ich bin unsicher, ob das im europäischen Kontext schon einen Wettbewerbsvorteil bedeutet", sagt Johann Eekhoff, Direktor des Instituts für Wirtschaftspolitik an der Universität Köln.Die Gewerkschaften führten einen "alten Kampf der Arbeitsplatzbesitzer gegen die Arbeitslosen".Die Lohnnebenkosten sollten noch weiter gesenkt werden, dann könnten auch mehr Leute eingestellt werden. Auch Gesamtmetall-Chef Werner Stumpfe sieht "kein Wundermittel, mit dem von heute auf morgen neue Arbeitsplätze geschaffen werden können". Auf der anderen Seite sind die Gewerkschaften so aufgebracht, weil sie sich um fast drei Jahrzehnte in ihrem Kampf zurückgeworfen sehen.Denn 1969 hatte die Große Koalition nach zähem Ringen auch für Arbeiter die volle Lohnfortzahlung gesetzlich festgeschrieben. Der tief bewegte Sozialdemokrat Walter Behrendt sagte damals vor dem Bundestag: Aus dem "unterdrückten Arbeiter des 19.Jahrhunderts" könne endlich ein "vollwertiger Mitbürger der Leistungsgesellschaft" werden. Ein langer Kampf war diesem Beschluß vorausgegangen.Anfang der fünfziger Jahre hatten sich die meisten Arbeiter noch mit einem mageren Ausfallgeld von der Krankenkasse begnügen müssen: fünfzig Prozent des Grundlohns. 1956 streikten die schleswig-holsteinischen Metaller 114 Tage lang und setzten so für sich eine insgesamt neunzigprozentige Fortzahlung durch.Stück für Stück verbuchten die Gewerkschaften in den folgenden Jahren Fortschritte in anderen Tarifbezirken und f ür neue Gruppen.Es ging ihnen dabei nicht nur ums Geld, sondern auch um die Gerechtigkeit.Den Angestellten nämlich hatte ein Gesetz schon seit 1931 die volle Gehaltsfortzahlung garantiert.So stand es in einer Notverordnung, die in der W eltwirtschaftskrise die Krankenkassen entlasten sollte und statt dessen die Unternehmen in die Pflicht nahm.Und Notbehelfe halten bekanntlich am längsten. Für viele Gewerkschafter ist es auch heute wieder ein Kampf um Gerechtigkeit zwischen Arbeitern und Angestellten.Zum Beispiel in der Baubranche, wo nach dem Sparbeschluß wieder die Trennung da ist: "Daß wir dem Gesetzgeber vertrauten, hat sich leider als Fehler herausgestellt", räumt Werner Köhler ein, Sprecher der IG Bau.Doch Tarifverträge allein können ohnehin keine Gerechtigkeit mehr schaffen: Besonders in Ostdeutschland halten sich viele nicht an den Tarif. Andere Gruppen bekommen, jedenfalls fürs erste, weiterhin garantierte hundert Prozent, zum Beispiel die Parlamentarier und die Beamten - Polizisten, Lehrer, Wirtschaftsprofessoren.Zwar hätte um ein Haar auch die Kürzung der Beamtenbezüge im Krankheitsfall zum Sparpaket gehört, aber die SPD nutzte ihre Mehrheit im Bundesrat - weil die Beamtenbesoldung einer der wenigen Punkte ist, wo sie etwas gegen das Sparpaket unternehmen kann.Allerdings bröckelt diese Front schon, und sogar die Diäten kranker Abgeordneter sollen jetzt auf den Prüfstand.Die wachsende Zahl der Freiberufler und Selbständigen bekommt ohnehin von niemandem ihre Krankheiten bezahlt. Als lachende Dritte sehen sich schon die privaten Krankenversicherer: Wer auf die bisherige Lohnfortzahlung nicht verzichten will, "kann selbstverständlich bei uns eine Krankentagegeldversicherung abschließen", erklärt dienstbereit Ulrich Heermann von der Continentalen in Dortmund die Deutsche Krankenversicherung in Köln will demnächst vielleicht sogar spezielle Tarife anbieten.Die Freiberufler, die zu solchen Versicherungslösungen noch nie eine Alternative hatten, bezahlen tüchtig dafür.Fau stregel bei der privaten Lohnfortzahlung: Ein Dreißigjähriger - ein gutes Versicherungsrisiko - muß eine monatliche Prämie von zum Beispiel 20 Mark zahlen, wenn er pro Krankheitstag 10 Mark bekommen will, 200 Mark für 100 Mark pro Krankheitstag und so weiter.Mit steigendem Alter und Risiko gehen die Prämien flott in die Höhe. Dennoch: Der Konstanzer Ökonom und "Wirtschaftsweise" Wolfgang Franz findet solche Versicherungslösungen auf lange Sicht sogar für alle am besten - allerdings in einer Form wie bei der gesetzlichen Krankenversicherung, die Beiträge nicht nach Risikogruppen unterscheidet. Die Arbeitgeber könnten die Prämien für ihre Mitarbeiter einzahlen, und wer sich eine billige Prämie mit höherer Selbstbeteiligung aussucht, kriegt die Ersparnis auf den Lohnzettel."Warum", fragt der Professor, "sollen Arbeitnehmer nicht eine Wahlmöglichkeit haben, in welchem Ausmaß sie sich gegen das Risiko des Einkommensausfalls absichern wollen?" Was angesichts der verhärteten Fronten bei den Tarifpartnern jetzt ganz unter den Tisch zu fallen droht, sind hausgemachte Lösungen zur Reduzierung der Krankenstände und Kosten.Dabei gab es in den vergangenen Jahren in vielen Unternehmen neben arbeitnehmerfreundlicheren Arbeitszeiten noch andere Ansätze, die echten und vorgetäuschten Krankheiten der Mitarbeiter an der Wurzel zu packen. Motivation, Anti-Streß-Training und Anti-Mobbing-Konferenzen, ergonomische Arbeitsplätze oder Rückenschulen für Dauersitzer "hatten für die Krankenstände echt was gebracht", weiß Dieter Jaufmann vom Internationalen Institut für Empirische Sozialökonomie. Denn eigentlich sollen Arbeitnehmer ja nicht angeschlagen zum Dienst erscheinen - sondern gar nicht erst krank werden. So konnte Opel in seinem Rheinhausener Werk seit 1995 die Krankenstände um dreißig Prozent drücken - mit seinem "Anwesenheitsverbesserungsprozeß" (AVP), der Zuckerbrot und Peitsche kombiniert.Die Personalleitung führt Gespräche mit den Kranken - und wer zu häufig fehlt, dem wird das Weihnachtsgeld gekürzt.VW macht sogar Hausbesuche bei den Kranken, andere Unternehmen lassen Blaumacher durch Detektive aufspüren.Personaldezernent Gerhard Kappius in Köln setzt lieber auf positive Anreize: Seine Pol itessen bekommen einen Gehaltsbonus, wenn sie zum Dienst erscheinen. Die neue Regelung der Lohnfortzahlung zielt genau in die andere Richtung.Sie trifft nicht nur vermeintliche Blaumacher."Jetzt müssen die Leute auf die Arbeit gehen, die es sich nicht leisten können, zwanzig Prozent zu verlieren", sagt Arbeitsforscher Jaufmann. Die eigentlichen Ursachen der Krankmeldungen sind allerdings schlecht erforscht.Bekannt ist, daß die Krankenstände nach Branchen und Betriebsgröße stark differieren - so bleiben die Arbeitnehmer in Kleinbetrieben seltener zu Hause.Und Banker fehlen weniger als Bauarbeiter oder Staatsdiener. Wo es bereits sozialpartnerschaftliche Ansätze gab, stört die Regelung im Sparpaket jetzt aber in jedem Fall eher den Frieden, als daß sie nützt.So hat sich die Trumpf GmbH + Co im schwäbischen Ditzingen zwar noch nicht offiziell für oder gegen die Kürzung entschieden, aber ein harscher Konfliktkurs ist Unternehmensinsidern zufolge kaum zu erwarten: Die Beschäftigten hätten nämlich gerade einem ganzen Verzichtpaket zugestimmt, damit eine neue Laserfabrik doch in Ditzingen und nicht in Frankrei ch gebaut werden kann. Die Beiersdorf AG hingegen, die sich bereits seit einigen Jahren um Sozialpartnerschaft müht und mit Gesundheitsprogrammen die Krankenstände reduziert, hat sich anders entschieden.Sie will von Oktober an zusätzlich auch den Lohn der Kranken kürzen."Wir haben zuerst überlegt, ob das vielleicht kontraproduktiv ist", sagt Sprecherin Manuela Rousseau."Aber das ist ein Gesetz, was will man da machen." Gesetz hin, Gesetz her, auch an Horst Moller müssen die Arbeitgeber erst noch vorbei.Moller ist Betriebsratschef bei der Sauer-Sundstrand GmbH & Co. in Neumünster und will bis zum letzten für die Rechte seiner Kollegen kämpfen - schon allein, weil der Betrieb dem Präsidenten der Arbeitgeberverbände, Klaus Murmann, gehört.Falls tatsächlich irgendeinem erkrankten Mitarbeiter etwas auf dem Oktober-Lohnzettel fehlt, will der Betriebsrat "für jeden Beschäftigten einzeln Klage führen" und im Notfa ll die Produktion lahmlegen.Moller: "Wir warten jetzt nur noch auf den ersten Kranken."