Ein Sammler. Ein anderer Sammler. Eine Figur der Kunstszene, eine vertraute, wenngleich distanziert auftretende Erscheinung gibt sich zu erkennen: Reiner Speck, Urologe, Bibliomane, Proustianer, Autor, seit vielen Jahren Gefährte von Büchern und Bildern, macht seine Sammlung öffentlich. Er zeigt im Museum Ludwig, wie sich aus obsessiver Beschäftigung mit bestimmten Bereichen von Literatur und Gegenwartskunst eine Kollektion von zugleich intensvier Privatheit und erstaunlicher Informationsbreite fügen konnte.

Nicht, daß dies unbekannt war. Leihgaben der Sammlung Speck dienten oft genug als Rückgrat internationaler Ausstellungsunternehmungen, und Partien der Kollektion wurden - außerhalb Kölns - auch schon präsentiert: Werkgruppen von Joseph Beuys, von Marcel Broodthaers, von Sigmar Polke, Jannis Kounellis, Cy Twombly, Lawrence Weiner oder James Lee Byars zum Beispiel stellten sich dann jeweils als Zeugnisse eines spezifischen Dialogs zwischen Künstlern und Sammler heraus. Schlüsselwerke sind Arbeiten auf Papier - Studien, autonome Zeichnungen und Künstlerbücher -, die Ziele und Möglichkeiten eines Öuvres erhellen.

Was bisher als Einheit eher zu ahnen war, ist nun Ereignis, und schon wachsen die Begehrlichkeiten. Die Kunststadt, nach dem Tod Peter Ludwigs verwaist, wendet sich mit Verve der so konträren Sammlergestalt zu. Und weil Ludwig es war, der in einem nun posthum gedruckten Katalogbeitrag "sehr wünschte", daß Specks Kollektion "Dauerbestand der Kölner Museen werden könnte", macht dieser Wunsch als Frage und Vermächtnis nun die Runde. Worauf der Sammler gelassen antwortet, man solle nicht fragen, was sich nach seinem Tod ereigne: "Fragen Sie lieber, was zu Lebzeiten damit geschieht."

Ein Resümee will der 55jährige in der Ausstellung nicht sehen, eher ein Fragment - Spiegelbild einer Tätigkeit, die nicht aufhöre "den vorhandenen Dingen Bruchstücke einer Konfession hinzuzufügen, seien es Bilder oder Bücher, Skulpturen oder Manuskripte". Letzteres ist bedeutsam und selten genug. Sein Prinzip sei es, sagt Speck, "über das Angehäufte zu forschen und zu schreiben, um es zu verinnerlichen und so zu einer Stimmigkeit . . . der Sammlung beizutragen".

Specks "Fragment" besitzt viele Facetten: 700 Nummern nennt der Katalog, der den Bezugssystemen der Kollektion auf der Spur ist, ohne sie aufschlüsseln zu können. Denn das Privatissimum der Sammlung Speck entzieht sich dem Exegetenfleiß ebenso wie publikumsnaher Eindeutigkeit. Der Schatz basiert auch weder auf Kunstmoden noch auf einzeln augenfälligen Meisterwerken. Dafür zeichnet er sich im heute schon klassischen Bereich konzeptueller Bilderfindungen der sechziger und siebziger Jahre durch eine wunderbare Klarheit aus, eine auf dem Wort, auf literarischen Anspielungen und geschriebenen Botschaften aufgebaute Ausdruckskraft. "Die Bibliothek", so Speck, "ist Quelle und Depot. Die Bilder und Zeichnungen sind aufgeschlagene Folianten."

Der Betrachter wird in der Ausstellung zum Zaungast intellektueller Lust: fasziniert von der Vorstellung eines Lebens mit Büchern, das sich im Bildnerischen fortsetzt. Aufmerksam gemacht auf die Bedeutung des Geschriebenen, das sich als Zeichen auf Papieren und Leinwänden niederläßt, wird er Zeuge eines ungewöhnlichen Einverständnisses zwischen Kunst und Literatur, Gegenwart und Vergangenheit, Künstlern und Sammler. Die Ausstellungsarchitektur von Oswald M. Ungers mit ihren stillen, den einzelnen Künstlern gewidmeten Räumen, erleichtert nicht allein das Verständnis solch stimmigen Dialogs. Sie gibt einem auch eine Vorstellung davon, wie eine ideale Präsentation im Museum Ludwig aussehen kann. Was für den klassischen Bereich gilt, wird allerdings in der Fortsetzung der Ausstellung zur aktuellen Kunst hin problematisch.

Speck sammelt in seiner Zeit. Das heißt, er findet viel, und er versammelt zu viel - und überfordert damit den Betrachter. Das Motiv dahinter läßt er Theodor Adorno formulieren: ". . . wer im Kunstwerk verschwindet, wird dadurch dispensiert von der Armseligkeit seines Lebens, das immer zu wenig ist. Solche Lust vermag sich zu steigern zum Rausch an ihn wiederum reicht der dürftige Begriff des Genusses nicht heran, der überhaupt geeignet wäre, genießen einem abzugewöhnen." (Museum Ludwig bis zum 17. November Katalog Oktagon Verlag, Köln, 58,- DM)