Die libanesische Regierung will ein modernes Beirut aufbauen, zu dem keine palästinensischen Flüchtlingslager gehören sollen. Sie wollen Schatila zerstören", sagt Abu Fadi, ein 39jähriger Palästinenser.Seit die ersten Gerüchte über den Abriß des Lagers durchgedrungen sind, hat in Schatila eine fieberhafte Bautätigkeit eingesetzt.Die Ruinenfelder wurden geräumt, noch intakte Gebäude aufgestockt, neue Häuser vier- oder fünfgeschossig hochgezogen. Die Neubauten wirken wie ein Wall, mit dem sich Schatilas Bewohner vor einer kommenden Gefahr zu schützen suchen.Die Bewohner klammern sich an die Existenz des Lagers, sie bauen gegen die Zerstörung und das Vergessen an.Denn wenn Schatila bestehenbleibt, ist auch das Vergessen unmöglich. Die Einsamkeit der Toten im Lager von Schatila war noch deutlicher, weil sie Posen und Haltungen einnahmen, die nicht die ihren waren. Es waren irgendwie Verstorbene.Völlig sich selbst überlassene Tote.Dennoch umwehten uns im Lager alle Zuneigungen, Zärtlichkeiten und Liebesbeweise, auf der Suche nach Palästinensern, die darauf nicht mehr antworteten.(Jean Genet) "Wir haben Angst.Was passiert mit unseren Erinnerungen, was mit unseren Toten?Wir vermeiden es, zuviel darüber nachzudenken. Wir haben heute nichts mehr als unsere Erinnerungen, und deshalb brauchen wir Schatila.Schatila ist das zweite Palästina", sagt Aisha, eine fünfzigjährige Palästinenserin, mager, bis auf die Schultern fallendes schwarzes Haar, ein faltendurchfurchtes Gesicht, mit viel zuviel Lippenstift, beinahe schon grotesk. Schatila ist für seine Bewohner vor allem ein Ort der Erinnerungen, ein Ort, der das Warten auf die Rückkehr nach Palästina symbolisiert, der ihre Identität als Lagerflüchtlinge ausmacht, eine Art greifbares kollektives Gedenken.Zu den schmerzlichsten Erinnerungen zählt das Massaker von 1982, das Massaker von Sabra und Schatila. In einer engen Straße glaubte ich in einem verwinkelten Mauervorbau einen schwarzen Boxer zu sehen, der auf dem Boden saß und sich lachend darüber wunderte, daß er k. o. war.Niemand hatte sich getraut, ihm die Lider zu schließen, seine übergetretenen Augen aus sehr weißem Porzellan blickten mich an.Den Arm erhoben, an diesen Mauerwinkel gelehnt, schien er sich geschlagen zu geben. Er war ein Palästinenser, seit zwei oder drei Tagen tot.Wenn ich ihn zunächst für einen schwarzen Boxer hielt, so deshalb, weil sein Kopf sehr groß aufgebläht und schwarz war, wie alle Köpfe und Leichen, ob sie nun in der Sonne oder im Schatten der Häuser lagen.(Jean Genet) Ich habe Schatila vor allem durch Abu Fadi und Aisha kennengelernt. Durch Abu Fadi, weil seine Geschichte zugleich die Geschichte Schatilas ist, durch Aisha, weil ich viele Stunden lang in ihrem Haus den Erinnerungen zuhörte, die sie und ihre Nachbarinnen sich immer wieder von neuem erzählten.In Aishas Haus sieht es aus wie fast überall in den alten ebenerdigen oder einstöckigen Häusern Schatilas.Ein oder zwei Zimmer, Betten, Sofas und bei denen, die sich den Strom aus einem Generator leisten können, Kühlschrank und Fernseher.An den Wänden Photos von Palästina, von der Familie, Verlobungen, Hochzeiten, und Bilder über Bilder mit den Märtyrern, den Familienangehörigen, die im Kampf um Schatila gefallen sind. Fenster und Türen stehen fast überall offen, Frauen sitzen vor den Häusern, Kinder spielen auf den Wegen, Jugendliche schlagen an uralten Flipperautomaten und Billardtischen die Zeit tot und träumen davon, das Lager zu verlassen, träumen von einer Zukunft in Europa.Die meisten sind arbeitslos, einige nehmen Drogen. Heute leben in Schatila ungefähr 15 000 Menschen, 5000 Libanesen und Syrer und 10 000 Palästinenser, von denen höchstens noch 5000 zum alten Schatila gehören.Alle anderen sind Flüchtlinge, die vom libanesischen Staat mit 5000 Dollar entschädigt wurden, um die besetzten Häuser im "Centre Ville" zu räumen, wo seit zwei Jahren das gigantische Wiederaufbauprogramm von Ministerpräsident Hariri begonnen hat.Entstehen soll eine Stadt ohne Gedächtnis, eine Stadt, die weder an ihre Blütezeit, a ls der Libanon noch als die Schweiz des Nahen Ostens galt, noch an das Beirut im Krieg erinnert.Der Wiederaufbau ist zum Spiegel für den Wunsch nach einer Stunde Null im Libanon geworden. Abu Fadi, ein kleiner, stämmiger Mann mit rundem Gesicht und schwarzen Haaren, kam mit vier Jahren nach Schatila, damals noch ein Lager aus Wellblechhütten, in die es reinregnete und in denen man im Sommer vor Hitze fast erstickte.Die Flüchtlinge träumten von der schnellen Rückkehr nach Palästina.Sie träumten von ihren Orangen- und Olivenbäumen, von den Dörfern und Feldern in ihrer Heimat."Mein Großvater mochte das Olivenöl hier nicht", erinnert sich Abu Fadi."Er sagte, richtiges Olivenöl gibt es nur in Palästina." Palästina wurde zum verlorenen Paradies, seine Wiedergewinnung zum Lebensziel und das Lager zur letzten Station vor der endgültigen Rückkehr. 1970, nach dem "Schwarzen September", nachdem die PLO von der Beduinenarmee König Husseins aus Jordanien verjagt worden war, kam die palästinensische Revolution in den Libanon.Die Fedajin mit ihren Keffiyahs und Kalaschnikows wurden fester Bestandteil des Beiruter Straßenbilds.In den Lagern entstanden militärische Trainingscamps.Abu Fadi trat in die DFLP ein, die Demokratische Front zur Befreiung Palästinas, und beteiligte sich an militärischen Operationen gegen Israel."Ich glaubte, die Aufgabe unserer Generation sei es, Palästina zu befreien." Ich gehe mit Aisha durch die Straßen, die um das Lager herumführen und die immer wieder zu Ruinenfeldern wurden.Die Straßen, auf denen das Massaker von 1982 stattfand und wo die Fronten während der Lagerkriege verliefen.Wir gehen in das Lager hinein, an noch immer halbzerstörten Häusern entlang.Das Innere Schatilas ist ein Labyrinth von kleinen Gassen, manchmal so eng, daß kaum noch Licht hineinfällt.Abwässer fließen durch offene Rohrleitungen. Ich wußte nicht, was ich in Aisha auslösen würde, als ich sie bat, mir die Orte zu zeigen, die mit ihren Erinnerungen verbunden sind.Auf der sogenannten Neuen Straße, wo 1982 die meisten niedergemetzelt wurden, zeigt sie auf den Müll, der sich an den Straßenrändern türmt.Abfall, der aus Plastiktüten quillt, Kleiderfetzen, Schrott, Gerümpel, durchweicht vom Nieselregen der vergangenen Tage."Hier", sagt sie, "hier lagen sie, hier ein Kopf, dort ein Arm, da ein Bein, aufgeblähte, verwesende Körper, schwarz von den Fliegen, überall Blut."Plötzlich bleibt Aisha abrupt stehen und deutet mit erstarrtem Gesicht auf die unkenntlichen Formen der Müllberge. "So", sagt sie, "so sah das damals auch aus." "Ich war wieder für ein paar Tage nicht in Schatila gewesen", erzählt Abu Fadi."Meine Frau sollte solange mit den Kindern zu ihren Eltern in das Lager Burschne-Braschne gehen.Irgendwann hörte ich von Massakern in Schatila.Ich glaubte das nicht, aber ich ging zurück.Als ich zu meinem Haus kam, lagen fünfzehn Tote davor.Ohne Kopf, ohne Hände, ohne Beine.Von Fliegen schwarz übersät.Es war Sommer, die Körper waren aufgebläht.Der Geruch der Toten brachte einen fast um.Mein Kopf drohte zu zerspringen. Es war grauenvoll.Ich sah meine Nachbarin.Abgeschlachtet.Sie hatten ihr mit einer Gartenschere die Finger abgeschnitten.Wegen der Goldringe.Daneben lag ein anderer Nachbar.Ich dachte, meine Frau wäre unter den Toten.Ich begann sie zu suchen.Und sie suchte gleichzeitig nach mir.Ich suchte und suchte, sie suchte und suchte, bis wir uns irgendwann gegenüberstanden.Frag mich nicht nach meinen Gefühlen, denn es ist nicht zu beschreiben." "Sehen Sie, Monsieur, sehen Sie ihre Hände an."Ich hatte es nicht bemerkt.Die Finger beider Hände waren fächerförmig gespreizt und wie mit einer Gartenschere beschnitten.Wahrscheinlich hatten Soldaten, kichernd wie kleine Mädchen und fröhlich singend, sich ihren Spaß gemacht, als sie diese Schere entdeckten und gebrauchten. (Jean Genet) Aisha redet, als wäre sie noch immer dort, dort in der Vergangenheit. "Ich ging umher, weinte, zerkratzte mir das Gesicht.Ich fragte nach meiner Familie, nach meinen Nachbarn und Freunden.Wo ist Mohammed?Wo ist Ali, wo ist mein Onkel?Ich fand niemanden.Ich hob die Leichenteile hoch, eine Hand, und ich schrie, wem gehört diese Hand, dieses Bein und dieser Kopf hier, von wem sind all diese Finger?Ich ging zu dem Platz, wo sie die Leute begruben, ich starrte auf die Toten, unfähig, zu denken.Ich wollte weinen, aber ich konnte nicht.Das Rote Kreuz sagte mir, was machst du hier, geh nach Hause.Ich sagte ihnen, ich will wissen, wer das ist, ich will meine Familie sehen.Sie scharrten die Körper mit Bulldozern zusammen, legten sie in das Massengrab und schütteten Kalk darüber.Wegen der Seuchengefahr.Wi r, die überlebt hatten, mußten in unsere Häuser zurückkehren.Wir putzten, putzten und putzten, stundenlang, tagelang, nächtelang, aber es half nicht, der Geruch der Toten ging nicht weg." Als ich nun aus dem Haus kam, packte mich ein plötzlicher Anfall von leichtem Wahnsinn, der mich fast zum Lachen brachte.Ich sagte mir, daß man nie und nimmer genügend Bretter und Tischler hätte, um Särge zu zimmern.Wozu denn auch Särge?Die toten Männer und Frauen waren alle Moslems, die man in Leichentücher näht. Wieviel Meter Stoff braucht man wohl, um soviel Tote zu bestatten? Und wie viele Gebete?Was an diesem Ort fehlte, wurde mir klar, war der skandierende Rhythmus der Gebete.(Jean Genet) "Sobald wir die Augen schlossen, sahen wir die Toten wieder vor uns.Wir hatten Angst zu schlafen, wir blieben nächtelang auf", erzählt Abu Fadi."Zwei, drei Monate lang bildeten wir uns ein, das Haus sei belagert von Toten.Sobald wir einen Laut auf der Straße hörten, sobald ein Hund bellte oder jemand schrie, flohen wir aus den Häusern und rannten aus dem Lager heraus, weil wir dachten, das sei ein neues Massaker.Wenn die einen die anderen rennen sahen, dann rannten sie mit.Plötzlich rannten ganze Gruppen, und die Gruppen wurden immer größer und größer." Aisha zeigt mir schließlich das Massengrab, in dem die Opfer verscharrt wurden, ein von Büschen umsäumtes Karree am Ende der Neuen Straße, etwas außerhalb des Lagers.Der Platz ist abgezäunt, der Zaun an vielen Stellen eingerissen, der Sandboden mit schwarzen, an Asche erinnernden Flecken festgetreten.Kinder spielen darauf Fußball.Nichts erinnert mehr an die Toten, keine Blumen, keine Gedenktafel, nicht ein einziger Hinweis.Als ich Aisha danach frage, erhalte ich keine Antwort.Erst Palästinense r außerhalb Schatilas sprechen von der Angst vor den Syrern, von der Angst, am Status quo zu rühren. Ich verstehe langsam die intensive Beziehung zu Schatila, das Festhalten der Flüchtlinge am Lager.Selbst diejenigen, die seine Enge eigentlich verlassen haben und heute irgendwo in Beirut wohnen, können sich nicht wirklich lösen.Regelmäßig kommen sie zurück, um mit ihrer Familie oder mit ehemaligen Nachbarn ein paar Stunden zu verbringen.Manchmal weicht die Niedergeschlagenheit einem Anfall von Fröhlichkeit, einer Fröhlichkeit, die verzweifelt wirkt. Allmählich begreife ich auch, daß das ständige Erinnern und die wiederkehrenden Erzählungen ein Versuch sind, mit dem Erlebten zu leben, um vom Schmerz nicht aufgefressen zu werden."Manchmal habe ich Angst, verrückt zu werden", sagt Nawal Husari, die Nachbarin von Aisha.Ihr Gesicht sieht aus, als hätten sich die Kriege darin eingegraben und sie vorzeitig altern lassen.Auf dem grauen Mörtel an den Wänden ihres Hauses hängen Photos in goldfarbenen Rahmen. Photos ihrer Eltern, ihrer sechs Brüder und zweier Cousins, alle in Schatila gestorben."Abends, wenn ich alleine bin, schließe ich die Tür ab, zünde eine Kerze an, setze mich auf dieses Sofa und starre auf die Photos.Nach einer Weile fangen sie an, mit mir zu reden.Sie sagen, Nawal, wir sind nicht tot, wir leben noch, wir haben dich nicht alleine gelassen, wir passen auf dich auf.Dann weine ich vor Erleichterung.Manchmal schreie ich meine Mutter an, warum hast du mich in die Welt gesetzt?Damit du stirbst und mich alleine läßt?Aber meine Mutter schweigt.Nur einmal, mitten in der Nacht, hat sie gesagt, warum suchst du mich nicht? Ich nahm ihr Photo und ging zum Massengrab.Ich rief, wo bist du, aber sie hat nichts mehr gesagt." 1985 brachen zwischen den Palästinensern und der schiitischen Amal-Bewegung die sogenannten Lagerkriege aus."Wir verteidigten die Existenz Schatilas", sagt Abu Fadi."Es regnete Raketen. Wir hungerten.Es gab Gerüchte.Gerüchte über Massenverhaftungen und Erschießungen außerhalb des Lagers.Gerüchte, die Amal wolle das ganze Lager niederbrennen.Im Lager waren nur fünfzig Kämpfer, wir mußten ohne Unterbrechung kämpfen.Wenn einer von uns verwundet wurde, kämpfte er weiter.Oft, bis er starb." Bis Ende 1987 flammten die Lagerkriege immer wieder auf.In den Ruhepausen organisierten die Bewohner Schatilas ihre Verteidigung, sie gruben ein unterirdisches Netz aus Gängen, das die Häuser miteinander verband, horteten Waffen, Medikamente und Nahrungsmittel, schleusten Ärzte und Kämpfer ein und bauten die zerstörten Häuser an der Front wieder auf, vier oder fünf Stockwerke hoch, um das Innere des Lagers zu schützen. 1987 begann die letzte Phase der Lagerkriege, der "Krieg der sechs Mo nate".Schatilas verzweifelter Überlebenskampf."Meine Frau blieb vier Monate in einem Keller, weil unser Haus an der Front lag.Eines Tages, als ich kam, sagte sie, ich will nach Hause, ich muß die Kleider der Kinder waschen, und ich will baden.Ich sagte, das ist sehr gefährlich, geh nicht.Aber sie bestand darauf. Ich begleitete sie nach Hause.Sie wusch die Sachen und nahm ein Bad.Danach zog sie ein leuchtend gelbes Kleid an.Ein Kleid, das sie seit Monaten nicht mehr getragen hatte.Ich sagte, zieh das aus, du bist das perfekte Ziel für jeden Scharfschützen. Er kann dich noch aus zwei, drei Kilometer Entfernung sehen.Sie antwortete, hör auf, wer sterben soll, muß sterben.Ich brachte sie in den Keller zurück und ging zu meiner Stellung.Nur ein paar Minuten nachdem wir gegangen waren, traf eine Rakete unser Haus.Alles krachte zusammen.Am nächsten Tag ging ich wieder zu meiner Frau.Sie war komisch, sie sprach kein Wort, sie war nicht sie selbst.Ich kehrte wieder zu meiner Stellung zurück. Kurz darauf kam jemand und sagte mir, ich solle zum Roten Kreuz gehen.Als ich an einem unserer Büros vorbeikam, sagte einer, deine Frau ist verwundet.Ich fühlte gar nichts mehr, die Gefahr, die Raketen, alles war mir egal.Als ich das Zimmer betrat, lag sie unter einem Tuch, tot.Sie hatte vor dem Keller in ihrem gelben Kleid gewaschen, und ein Scharfschütze hatte sie erschossen.Ich sah in ihre Augen.Sie standen offen, an den Wimpern hingen Tränen. Sie hatte geweint.Ich verlor die Nerven und brach zusammen." Damals, 1987, war ich zum ersten Mal in Schatila.Die Menschen, die aus den Kellern, den unterirdischen Gängen Schatilas kamen, glichen Gespenstern, entstellt, völlig erschöpft und ausgemergelt. Das Lager war ein Ruinenfeld, von der Amal und der syrischen Armee umstellt.Hoda, eine damals achtzehnjährige Palästinenserin, führte mich zum unterirdischen Krankenhaus, in dem die Ärzte bei Kerzenlicht und ohne Narkose operiert hatten.Sie zeigte mir die Moschee, die ebenfalls zu einem Massengrab geworden war.Und sie brachte mich zu Überlebenden, deren Angst so groß war, daß sie kaum mit mir zu sprechen wagten. Heute sagt Hoda: "Ich hatte damals lange Zeit Depressionen.Im Krieg hatten wir die Angst verloren, aber nach dem Krieg fürchteten wir plötzlich um unser Leben, so als hätten wir vorher keine Zeit dazu gehabt.Dann kam der Krieg innerhalb Schatilas.Es ist noch immer sehr schwer, darüber zu sprechen.Plötzlich töteten sich ganze Familien gegenseitig." 1989, der sogenannte Bürgerkrieg Schatilas.Ein Krieg um die Macht zwischen den Anhängern Arafats und seinem radikalen, von Syrien unterstützten Gegens pieler Abu Musa.Ein Krieg von Haus zu Haus auf engstem Raum, ein Krieg, der die Einheit des Lagers auseinanderbrechen ließ und für die meisten unfaßbar war.Wer eben konnte, verließ Schatila.Abu Fadi versuchte vergeblich zu vermitteln. Der Bruderkrieg ist heute tabu.Angesichts der drohenden Zerstörung des Lagers richtet sich alle Energie auf das bloße Überleben und den illegalen Wiederaufbau.Er gibt dem Leben neuen Sinn und schafft vor allem Arbeitsplätze.Die meisten Palästinenser im Libanon sind arbeitslos und von fast allen Berufen ausgeschlossen, sie haben keine Bürgerrechte und erhalten auch keine finanzielle Unterstützung mehr, weder von der PLO noch von der Uno."Wir lieben Schatila, und wir hassen es", sagt Aisha."Wir li eben es, weil es unsere Geschichte ist, und wir hassen es, weil es nicht unsere Zukunft und die unserer Kinder sein darf." Von den drei Schulen, die es einst gab, sind zwei zerstört.In einer Klasse drängen sich heute mehr als siebzig Kinder.Die Palästinenser verlieren ihre stärkste Waffe, ihre Bildung und Ausbildung."Und wenn sie Schatila zerstören?" - "Das einzige, was wir dann tun können, ist, uns auf die Gräber zu legen.Dann sollen sie uns mit ihren Bulldozern überrollen, und wir sterben bei unseren Märtyrern", sagt Aisha. Der älteren Lagerbevölkerung ging es schlecht, wahrscheinlich war es ihr auch in Palästina nicht besser ergangen, aber das Heimweh spielte hier auf eine fast magische Weise eine Rolle. Sie laufen Gefahr, Gefangene des unglücklichen Zaubers der Lager zu bleiben.(Jean Genet) Abu Fadi hat inzwischen sein eigenes, kleines Geschäft in Schatila eröffnet.Er wohnt mit seiner zweiten Frau, einer Libanesin, außerhalb des Lagers.Aber er baut das Haus seiner Eltern wieder auf, um zurückzukehren."Ich habe in Schatila mein ganzes Leben verbracht. Ich bin ein Teil Schatilas geworden.Meine Freunde, meine Bekannten, meine Familie, alle haben hier gelebt.Viele sind inzwischen tot oder fortgegangen.Manche kommen immer wieder hierher zurück, weil sie sich hier zu Hause fühlen.Ich will nicht von hier fortgehen. Auch nicht, wenn man mir Geld dafür gibt.Ich hänge an jeder Tür, an jedem Fenster, an jedem Haus.Hier sind meine Erinnerungen. Hier sind meine Eltern und Großeltern gestorben.In diesem Lager ist unser Blut geflossen.Manche haben mit Steinen die Stelle markiert, wo ihr Haus gestanden hat, um zu zeigen, hier haben wir gewohnt.Jeder klammert sich an Schatila.Das ist unsere zweite Heimat.Solange wir unsere erste Heimat nicht bekommen, bleibt Schatila für uns die Heimat." Wer Schatila nicht gesehen hat, kann das Dasein der palästinensischen Flüchtlinge nicht verstehen, denke ich, während ich alleine durch die Gäßchen und Straßen des Lagers gehe.Heute bauen die Neuankömmlinge mit der Hoffnung der Hoffnungslosen für ihre Zukunft, die Alteingesessenen leben in der Vergangenheit, gefangen in den Erinnerungen an den Verlust ihrer Familien.Und die Baufirma Elyssar macht Pläne für eine moderne Stadt ohne Gedächtnis, für ein Beirut der Amnesie. Wie lange noch werden die Palästinenser die Kraft haben, immer wieder bei Null anzufangen und aus dem Nichts eine Existenz aufzubauen? Wo bin ich gewesen?Diese dem Erdboden gleichgemachte Stadt in Trümmern, die ich gesehen oder zu sehen geglaubt habe, durchdrungen, durchweht, getragen vom mächtigen Geruch des Todes, hatte es das alles gegeben?(Jean Genet) Abdruck der Textzitate mit freundlicher Genehmigung des Merlin Verlages.Jean Genet: 4 Stunden in Chatila deutsch von Klaus Völker, 1983 kart., 6,80 DM