KÖLN. - Der Diskussionswirbel um das Buch "Hitlers willige Vollstrecker" - die emotionsgeladenen Äußerungen pro und kontra und die selbstgerechten Antworten des Autors auf alle Kritiken - zwingen mich zu diesem Beitrag.

Der Autor Daniel Jonah Goldhagen beansprucht das Recht eines Soziologen, die sozialpsychologischen Vorbedingungen und historischen Ursachen des Holocaust grundsätzlich neu zu definieren, indem er das tragische Schicksal der deutschen Juden allein durch die tausendjährige Entwicklung eines besonderen deutschen Antisemitismus - eines vernichtenden, "eliminierenden" Antisemitismus - deutet. Dabei sei Hitler nur eine Spitze dieser Entwicklung gewesen, nicht ein Erzeuger, sondern ein Zögling des antisemitischen Vernichtungswillens der überwältigenden Mehrheit der deutschen Nation.

Diese These und die Methode, wie sie bewiesen werden soll, widersprechen den Tatsachen der Geschichte und den Grundsätzen wissenschaftlicher Forschung. Grausame massenhafte Verfolgungen und Vernichtungen der Juden sind aus der Geschichte Spaniens, Italiens und osteuropäischer Länder bekannt. Im Befreiungskrieg der ukrainischen Kosaken unter Hetman Chmelnizkij (1648 bis 1654) gegen Polen wurden Hunderttausende Juden ermordet, manche lebend begraben. Massenhafte Vernichtung der Juden und Polen kennzeichnete den Aufstand der Hajdmaken (1769 bis 1772).

Das Wort "Pogrom" wurde in vielen Sprachen aus dem Russischen übernommen, und es waren eben "Juden-Pogrome" gemeint. Im 18.

Jahrhundert, als in Deutschland die semitophilen Stücke "Die Juden" und "Nathan der Weise" von Gotthold Ephraim Lessing erschienen waren und der Philosoph Moses Mendelssohn in Berlin von deutschen Aufklärern hoch geachtet wurde, durften die Juden in Rußland überhaupt nicht leben. Zuletzt hat ein besonderer Ukas der Zarin Elisabeth dieses Verbot bestätigt. Erst nach der Teilung Polens wurden polnische Juden zu den Untertanen russischer Zaren.

Ein religiöser Antisemitismus bestand in den meisten europäischen Ländern und wurde oft mörderisch, während der Kreuzzüge und danach.

Den sozialpolitisch bedingten Antisemitismus, den Haß auf das jüdische Kapital, verkündeten im 19. Jahrhundert nicht nur konservative Nationalisten wie die Schriftsteller Honoré de Balzac, Gustav Freytag und Fjodor Dostojewskij, sondern auch "Linke" wie der Rabbiner-Enkel Karl Marx und der russische Dichter und Philosoph Alexander Herzen. Einen quasiwissenschaftlichen, rassistischen Antisemitismus predigten der Engländer Houston Stewart Chamberlain und der Franzose Joseph Arthur de Gobineau. Sie beeinflußten Richard Wagner und manche zukünftige Nazis. Doch ihr "Haupttheoretiker", Alfred Rosenberg, der in Moskau studiert hatte, lernte zunächst aus den Erfahrungen der russischen "Schwarzhundertler".