Über das öffentliche Bild akademischer Philosophie, an dem die Philosophenzunft freilich nicht unschuldig ist, bin ich wenig glücklich. Ich möchte demgegenüber einen positiven Begriff von systematischer Philosophie hochhalten, der von überzogenen öffentlichen Nützlichkeitserwartungen, von den Verkrustungen der Philosophiegeschichte und von der Marginalisierung durch die anderen Wissenschaften frei ist. Hier konzentriere ich mich auf die dritte Front - in der Hoffnung, daß die ersten zwei Fronten haltbarer erscheinen, wenn klar wird, wie eng die systematische Philosophie, bei aller Verschiedenheit, auch und gerade heute mit den übrigen Wissenschaften verknüpft ist.

Worum geht es in der Philosophie? Das läßt sich, wie für andere wissenschaftliche Disziplinen auch, nur über die Fragen beantworten, die sie behandelt. Die philosophischen Fragen sind im Grunde bekannt.

Da ist die ontologische Grundfrage: Was gibt es? Da ist die erkenntnistheoretische Grundfrage: Wie erkennen wir, was es gibt? Oder auch: Was soll ich glauben? Da ist die normative Grundfrage: Was soll ich tun?

Und so weiter. Viele sagen - weil sie resigniert sind oder um zu spotten -, daß die Philosophie gegenüber diesen Fragen womöglich seit 2000 Jahren fruchtlos auf der Stelle trete. Das Gegenteil ist wahr. Gewiß, die diversen philosophischen Moden kehren immer wieder so breit kann das Spektrum möglicher Antworten gar nicht sein, als daß es im Prinzip nicht längst durchmessen wäre. Aber im Detail ausgelotet ist das Spektrum mitnichten es ist unauslotbar.

Und natürlich wiederholen sich die Positionen nicht einfach der Fortschritt liegt in dem immensen Zugewinn an Klarheit, Differenzierung und Argumentation, der mit jeder Runde erkämpft ist.

Der Fortschritt zeigt sich noch auf andere Weise. Es ist ein Gemeinplatz, daß viele Wissenschaften durch Ausdifferenzierung aus der Philosophie entstanden sind. Doch denkt man dabei vor allem an das 16. bis 18. Jahrhundert. Kaum wahrgenommen wird, daß dies ein Prozeß ist, der sich unvermindert bis in die Gegenwart fortgesetzt hat und weiter fortsetzen wird. Der Fortschritt besteht dabei darin, daß eine Frage, die bisher nur in philosophischer Manier gewälzt werden konnte, mit der Zeit immer weiter konkretisiert und differenziert, mit theoretischem Gedankengut angereichert und empirischen Methoden und Untersuchungen immer zugänglicher gemacht wird, bis sich der gesamte Komplex verselbständigt.

Das Sonderbare daran ist: In diesem Prozeß verschwindet die philosophische Frage nicht sie ist nicht wie die Keimzelle, die mit der Teilung zu existieren aufhört. Sie ist vielmehr auch nach der Ausdifferenzierung nicht eigentlich gelöst und fährt fort, die Geister umzutreiben.