Nachdem Marianne Bachmeier am 6. März 1981 im großen Saal des Lübecker Landgerichts den Mörder ihrer siebenjährigen Tochter Anna erschossen hatte, trafen in den folgenden Tagen und Wochen waschkörbeweise Briefe, Blumen und insgesamt etwa 100 000 Mark bei ihr im Untersuchungsgefängnis ein. In der vergangenen Woche starb Marianne Bachmeier, nur 46jährig, in einem Lübecker Krankenhaus an Krebs. An ihrem Bett wachten eine Freundin und ein Kamerateam des NDR. Es war ihr Wunsch, die Monate ihres Sterbens von Reporter Lukas Maria Böhmer filmen zu lassen. Sich selbst in Zusammenhang mit Tod öffentlich zu machen schien ihr sinnvoll zu sein. ("Das langsame Sterben der Marianne Bachmeier" sendet NDR III am kommenden Sonntag, 29. September um 23 Uhr.)

Daß Kinder von Erwachsenen sexuell mißbraucht werden, ist seit einigen Wochen wieder Thema in den Medien. Was dabei aufgedeckt wird, vertieft allgemein das Gefühl großer Hilflosigkeit. "Ich wollte ihm ins Gesicht schießen. Leider habe ich ihn in den Rücken getroffen. Hoffentlich ist er tot", sagte Marianne Bachmeier kurz nach ihrer Tat. - "Diese Frau hat einen Orden verdient", schrieb damals ein Vater begeistert. Der allgemeine Haß auf die abscheuliche Sexualität traf indessen bald auch die attraktive Mutter. Marianne Bachmeier sei kalt und ziehe eine Show ab, befand das Gerichtspublikum über die damals 32 Jahre alte Frau, die für ihre Tat zu 6 Jahren Haft verurteilt wurde.

Was eine Fernsehdokumentation über Marianne Bachmeier aufzeigen kann, führt in den biographischen Hintergrund, der sie dazu gebracht haben könnte, zu schießen: Am 3. Juni 1950 wird sie in einer Kleinstadt bei Hildesheim geboren. Der Vater ist hart und prüde mit seiner Tochter. Er gehörte der Waffen-SS an, einer Elitetruppe der Nazis.

Jetzt ist er Angestellter in einer Fabrik für Küchenherde. Von der Mutter wird Marianne diesem Vater ausgeliefert und nicht geschützt.

Mit neun Jahren wird sie von einem Nachbarn sexuell benutzt. Vater und Mutter geben ihr Bonbons und Geld, damit sie schweigt und ihre Schande nicht öffentlich wird. Für den Vater ist sie das Flittchen. Er drillt und demütigt sie. Seine Tochter wird mal eine schöne Frau werden, die ihre Zukunft als Photomodell oder Mannequin sieht. Sie muß eine Lehre als Verkäuferin antreten, in einem Haushaltswarengeschäft. Mehr haben die Eltern für sie nicht vorgesehen.

Mit sechzehn Jahren bekommt sie ihre erste Tochter. Mit achtzehn Jahren ist sie wieder schwanger und wird kurz vor der Entbindung ihrer zweiten Tochter vergewaltigt. Die Vergewaltigte, so die Richter, habe den Mann provoziert. Bewährungsstrafe für den Täter.

Ihre beiden kleinen Mädchen läßt Marianne von ihrer Mutter versorgen.