Tokio

Naoto Kan ist der Mann, vor dem japanische Politiker ihre Wähler immer gewarnt haben. Dieser Volksvertreter erinnert an den jungen Joschka Fischer. Mit ihm verbindet Japans ersten "Turnschuhminister" das Engagement in der Studenten- und Umweltbewegung und eine rigorose Amtsausübung, die ihm den Ruf eines Industriefeinds eingetragen hat. Der Geniestreich des 49jährigen Gesundheitsministers war die Aufdeckung des nationalen Aids-Blutkonservenskandals. Kan erreichte, was in Europa und in Amerika keiner Regierung gelang: Die für die Aids-Infizierung verantwortlichen Konzerne, allen voran die deutsche Bayer AG, mußten sich in Japan öffentlich entschuldigen und hohe Entschädigungen an die Opfer zahlen.

Seither läßt sich Naoto Kan an Bill Clintons messen: Am kommenden Wochenende will er die Demokratische Partei Japans (DPJ) gründen, die ihren Namen dem amerikanischen Vorbild verdankt. Mit der Newcomer-Truppe muß gerechnet werden: Einen Monat vor den geplanten Neuwahlen liegt Kan in Umfragen nur noch zwei Prozentpunkte hinter Premier Hashimoto, dem populären Liberaldemokraten. Ließe sich der Reformvorschlag der Kan-Partei, den Premierminister direkt wählen zu lassen, heute verwirklichen, hätte dieser politische Aufsteiger schon morgen die Chance, Regierungschef zu werden.

Doch so weit wird es nicht kommen. Während das Land seine Märkte öffnet und immer mehr Japaner ins Ausland reisen, verweigert sich die etablierte Politik den gesellschaftlichen Veränderungen. Seit vor neun Monaten mit Hashimoto wieder ein Liberaldemokrat die Führung der Regierung übernahm, sind alle großen Reformvorhaben gestoppt, die im Zuge des kurzen Machtwechsels von 1993 für Begeisterung gesorgt hatten. Damals verloren die Liberaldemokraten nach 38 Jahren an der Macht ihre absolute Parlamentsmehrheit und mußten ein Jahr lang die Oppositionsbänke drücken, bevor sie in einer Koalition mit den Sozialdemokraten in die Regierung zurückkehrten.

Damals schien es, als hätte die Liberaldemokratische Partei (LDP) ihre Lektion gelernt: "Es gab in der Partei große Veränderungen.

Die Einflüsse der alten Fraktionen gingen zurück. Erstmals gab es in einem Kabinett lebhafte Diskussionen", berichtete die Wissenschaftsministerin des ersten Koalitionskabinetts, Makiko Tanaka. Die 52jährige "eiserne Lady", Tochter des wohl einflußreichsten japanischen Nachkriegspolitikers, Kakuei Tanaka, war vor zwei Jahren als künftige Regierungschefin im Gespräch. Sie verkörperte die Erneuerung der LDP. "Ich kann und will nicht wie mein Vater Politik machen", betonte Frau Tanaka.

Doch längst ist der Publikumsliebling wieder zur Außenseiterin geworden: "Die LDP hat sich nicht verändert. Der Premierminister ist in der Partei ein Einzelgänger, hat keine Freunde und gilt als schwierige Person. Hinter ihm kann einer wie Takeshita wieder mächtig tun, obwohl 1993 schon niemand mehr auf ihn hörte."