Ich habe vor Helmut Heißenbüttel lange Zeit Angst gehabt. Gefürchtet und bewundert habe ich an ihm, aufgrund seiner theoretischen wie praktisch-poetischen Äußerungen, ein schreckeneinflößendes Maß jener Sorte von Intelligenz, die mich, zumindest in jüngeren Jahren, am meisten beeindruckte, nämlich die Fähigkeit, die künstlerische Moderne samt ihren Ideen, Programmen, Entwicklungen zu überblicken und resümierend und prognostizierend daraus Schlüsse zu ziehen - unorthodox für die Literatur insgesamt, streng konzeptionell für das eigene Schreiben.

Ganz im Zeichen dieses leichten Grausens stand auch mein erstes Treffen mit dem Autor, Mitte der siebziger Jahre, in einer Kölner Dachwohnung. Man konnte die Behausung nur über eine Art Hühnerleiter erreichen. Ich erinnere mich noch recht gut, wie, sagen wir pünktlich um fünf Uhr, jemand Stufe für Stufe zu uns, einer gemeinsamen Freundin und mir, hörbar und unaufhaltsam hochstieg, jener Schriftsteller eben, vor dem man sich, als Person vom selben Fach, nur blamieren konnte, sobald man den Mund auftat.

Wir haben alle drei etwa eineinhalb Stunden über Teesorten und eine halbe über den Literaturbetrieb geredet. Hinter diesem großen, leicht geröteten Gesicht mit dem freundlichen Lächeln ist also so viel aggressiv-avantgardistische Intelligenz verborgen, dachte ich, während wir über Darjeeling und Jasmintee plauderten. Herr Heißenbüttel verschwand dann zu einer Lesung. Ich habe später nie erlebt, daß er über Literaturtheorie, überhaupt im strengen Sinn über Literatur redete, statt dessen aber, wenn er Lust dazu hatte, stundenlang ohne Mühe Anekdoten erzählte. Das gefiel mir überaus gut. Aber ich dachte doch hin und wieder besorgt: Ob es mit anderen Gesprächspartnern wohl avantgardistischer zugeht?

Mir wurde versichert: privat kaum.

Um mein Problem zu verdeutlichen: Einerseits war ich ja selbst davon überzeugt, man müsse kompromißlos modern sein, andererseits hatten in meiner Jugend Eichendorffgedichte - auch damals nicht gerade im Trend liegend - eine große Rolle gespielt. Und wenn die erst mal in einem so richtig Platz gefunden haben, vergißt man sie nicht mehr. Das absolute Zeitgenössische Heißenbüttels war etwas Erregendes. Die Gedichte der Romantik allerdings, ob als unverantwortliche Reminiszenz oder als etwas insgeheim Zentrales, standen auf einem anderen Blatt.

Das Merkwürdige jedoch war, daß gegen Image und Legende sich bei Heißenbüttel eben nicht nur Eichendorff-nahe Zitate fanden, die immerhin, "Eichendorffs Untergang" hin oder her, ähnliche Anfälligkeiten vermuten ließen, sondern auch regelmäßig offenbar ohne Verstellen der Stimme geschriebene Passagen wie die folgenden: "Träge und träge schreiend segeln Möwen diagonal über mich hin. Ich höre ihnen zu und nichts sonst." Oder: "Er hat die Wiesen an einem anderen Fluß gesehen, der Ems heißt und seine Jugend beeindruckt hat. Er hat die Emswiesen gesehen und zu verschiedenen Jahreszeiten, voller Butterblumen im Juni, zugefroren im Januar, dampfend im September." Oder: "Plötzlich, unerklärlich, unerträglich, vernichtend, ausschmelzend in dieser sonnigen Sommerlandschaft, atemberaubend, atementziehend, sinnlos der Schock der Todesangst."

Naturanblicke, vorbehaltlose Versenkungen, Stillstände völlig untheoretischer Anschauung: Solche Sätze ließen sich für mich mit der großstädtisch-bäuerlichen Erscheinung des leibhaftigen Helmut Heißenbüttel verbinden.