In der Liste der hundert größten deutschen Unternehmen taucht der Suhrkamp Verlag nicht auf. Bei einem Umsatz von lediglich 100 Millionen Mark ist das nicht überraschend. Der Bertelsmann-Konzern hingegen, der einst als Lesering begann und dessen zahlreiche Buchverlage noch immer einen sichtbaren Teil des verzweigten Unternehmens bilden, steht in der Liste an immerhin neunzehnter Stelle und verzeichnet einen Umsatz von 20,5 Milliarden.

Die wirtschaftliche Größe eines Verlags sagt wenig über seine geistige Bedeutung. Verlegerfamilien und Verlagsnamen wie Campe oder Cotta, Reclam oder Rowohlt, Fischer oder Kiepenheuer sind nicht nur Teil der Geistesgeschichte, sie haben auch Geschichte gemacht, unabhängig von Umsatz und Auflagen. Kants "Kritik der reinen Vernunft", 1781 verlegt von Johann Friedrich Hartknoch in Riga, Kafkas "Verwandlung", 1915 erschienen bei Kurt Wolff in Leipzig, oder die "Dialektik der Aufklärung" von Horkheimer und Adorno, veröffentlicht 1947 bei Querido in Amsterdam, haben auf die Entwicklung der Moderne einen nicht geringeren Einfluß gehabt als die Erfindung des Verbrennungsmotors oder der Glühbirne.

In dieser Hinsicht ist Suhrkamp bedeutender als Bertelsmann und sicherlich einer der bedeutendsten Verlage dieses Jahrhunderts.

In der vergleichsweise kurzen Spanne seiner 46 Jahre langen Geschichte hat er, mehr als jeder andere deutsche Verlag, die Stichworte zur geistigen Situation der Zeit geliefert.

Die politische und literarische Wirkungsmacht läßt sich allein der Tatsache ablesen, daß die Theorien und Thesen seiner Bücher ins intellektuelle Unterbewußtsein eingedrungen sind und auch demjenigen als Zitierschatz dienen, der Verfasser und Inhalt nicht parat hat: die vaterlose Gesellschaft, der hilflose Antifaschismus, die Unwirtlichkeit unserer Städte, der Jargon der Eigentlichkeit, Erkenntnis und Interesse, die traurigen Tropen, Kritik der zynischen Vernunft, Reduktion der Komplexität, die Risikogesellschaft. Und die geflügelten Buchtitel, von der Angst des Tormanns beim Elfmeter bis zur Macht der Gewohnheit, sind Leuchtbojen in der Flut der Bücher. Die oft zitierte Suhrkamp-Kultur: Es hat sie gegeben, es gibt sie noch.

Dies ist kein Nachruf. Nach wie vor residiert der Verlag im Frankfurter Westend, noch immer beherrscht Siegfried Unseld unangefochten das Haus, und die Bilanzen sind (darauf legt der Verleger wert) so gut wie nie. Und doch ist der Verlag ins Gerede gekommen. Er ist eine Institution. Auch Institutionen altern, nicht anders als Personen. Und so sehr ihm sein Ruf nutzt, so sehr belastet er ihn. Was anderen Verlagen hoch angerechnet würde, gilt bei Suhrkamp als Selbstverständlichkeit, der Erwähnung kaum wert.

Er wird gemessen an der großen Zeit der sechziger und siebziger Jahre, und der Verlag mißt sich selber daran.