Bologna Schon immer hat Italien auf die deutsche Linke einen besonderen Reiz ausgeübt.In den siebziger Jahren blickte sie fasziniert auf den Eurokommunismus.Seit den Achtzigern lockte die Toscana. Das beliebte Urlaubsziel wurde zum symbolischen Ort, ein Arkadien, in dem sich deutsche Sozialdemokraten von der fortdauernden Enttäuschung verpaßter Machtwechsel erholten.Jetzt, in den ausgehenden neunziger Jahren, bietet Italien plötzlich das Modell an, wie der Wandel vielleicht doch noch zu erreichen wäre: Romano Prodi, der katholische Wirtschaftsprofessor aus Bologna, hat seinen guten Namen gegeben und erstmals in der italienischen Nachkriegsgeschichte die Linke an die Macht gebracht. Von Italien lernen?Nein, euphorisch hat die deutsche Sozialdemokratie nicht reagiert, als der Grüne Joschka Fischer ihr vorschlug, endlich aufzuhören mit dem "Enkel-Spiel" und lieber einen "deutschen Prodi" als gemeinsamen Kandidaten auszurufen.Das Echo blieb schwach, die SPD-Führung reagierte nach außen stumm, nach innen gereizt. Auch krankt der Vorschlag daran, daß weit und breit kein deutscher Prodi zu sehen ist.Darauf hat Fischer jetzt auf seine Weise reagiert. Er besuchte Romano Prodi, den echten und bislang einzigen, in Bologna.Eine zivile Variante des einstigen Revolutionstourismus? Wie auch immer, im großen Saal des Palazzo del Podesta im Zentrum der alten Universitätsstadt haben beide miteinander diskutiert, unter schweren Kronleuchtern, vor 300 sympathisierenden Zuhörern. Eines hat auch Joschka Fischer gleich feststellen müssen.Den Machtwechsel zu erreichen ist schwer und kaum schon das alleinige Ziel.Das jedenfalls kann man Romano Prodi anmerken.Er wirkt überarbeitet.Was ihn aber nicht hindert, seinem deutschen Besucher zwei Stunden lang das Besondere des italienischen Wahlbündnisses Ulivo zu erläutern, verbindlich, ganz unprätentiös und heiter. Nur einmal scheint er irritiert.Wenn es schon kein deutsches Pendant gäbe, hat Fischer ihm vorgeschlagen, solle doch Prodi selbst nach Deutschland kommen.Helmut Kohl könne dann in Italien weiterwirken.Das Publikum applaudiert spontan.Und Fischers Scherz wirkt plötzlich schillernd.Für einen Moment sieht sich der deutsche Gast, der das Neue sucht, dem Undenkbaren konfrontiert.Sehnt man sich in Bologna nach einem italienischen Kohl? Auf diese Möglichkeit geht Prodi nicht ein.Auch sonst bleibt er zurückhaltend.Er scheut die Personalisierung.Daß sein Name zum Synonym eines für unmöglich gehaltenen Machtwechsels geworden ist, überspielt er.Lieber redet Prodi vom "Ölbaum", in dem sich Christdemokraten, reformierte Kommunisten, Liberale und Grüne zusammengeschlossen haben.Gemeinsam habe man sich der "Entideologisierung der Politik" verschrieben.Entstanden sei ein "flexibles, anpassungsfähiges Gebilde", in dem keine der Ström ungen ihre politische Herkunft vergessen müsse.Gerade in der vorbehaltlosen Kooperation gründe die "außerordentliche Anziehungskraft" des Bündnisses.Nur der starre traditionsbeladene Reflex, die Selbstbezogenheit und das isolierte Eigeninteresse de r einzelnen Strömungen seien nicht länger opportun: "Wir haben keine Interessen zu verteidigen", sagt Prodi.Ulivo soll ein langfristiger Ansatz für die Erneuerung des Landes sein, keine bloße Regierungskoalition."Als solche wäre der Ölbaum nur eine Erinnerung an die Vergangenheit", sagt Prodi. Daß sich der deutsche Grüne für das italienische Experiment interessiert, wundert den italienischen Regierungschef nicht.Er präsentiert sich in einer merkwürdigen Mischung aus Bescheidenheit und Selbstbewußtsein. "Die Kraft des Ölbaums muß sich auf den gesamten Kontinent erstrecken", fordert Prodi, "wir sind Steine in einem europäischen Mosaik." Immer wieder läßt er erkennen, daß mit dem Wahlsieg die Herausforderung erst begonnen hat.Und dennoch ist er nicht abgeneigt, das Bündnis schon als europäisches Modell zu betrachten: "Es besteht ein außerordentliches Bedürfnis nach Ulivo in Europa." Eben aus diesem Grund sitzt neben ihm der Grüne aus Deutschland. An dessen "außerordentlichem Bedürfnis" nach Macht besteht kein Zweifel.Daß der Wechsel möglich ist, dafür ist "Prodi" die Chiffre. Und daß er kommen muß, gerät Fischer fast zur historischen Notwendigkeit. Italien ist für ihn nur das "schwächste Glied" in der Kette der westeuropäischen Demokratien.Hier habe sich zuerst und am deutlichsten die Unfähigkeit gezeigt, mit Hilfe der alten politischen Konstellationen der "Systemkrise" Herr zu werden.Jetzt, so glaubt Fischer, müßten die anderen nachziehen.Denn eine "Systemkrise ohne politischen Wechsel" sei gefährlich.Und er lockt: Der Wechsel sei gar nicht so schlimm, in Italien habe sogar "das große Geld" positiv reagiert. Keine zehn Jahre mehr gibt der Grüne den Deutschen, um den Wechsel zu schaffen.Spätestens an diesem Punkt seines Plädoyers sind historische und biographische Notwendigkeiten fest ineinander verwoben.Daß er selbst ambitioniert ist, die Zeit knapp wird und er auch deshalb drängt, ist nicht weiter der Rede wert.Nur warum, für den Fall des Scheiterns, immer gleich die historischen Alarmglocken läuten müssen, fragt man sich schon.Da droht, im moderaten Fall, die entfesselte Marktwirtschaft oder, schl immer, Nationalismus.So zwingend, daß sie solche dramatischen Prognosen begründen könnten, sind Fischers Analysen nicht. Das muß nicht hinderlich sein bei der Suche nach der Antwort, "wie Solidarität unter den Bedingungen des Wohlstandsverzichtes" möglich wäre.Auch Prodi, so scheint es, sucht noch.Der Ölbaum, sagt er, sei ein "Bündnis für Markt und Wirtschaft, aber auch für Solidarität und Gerechtigkeit".Zugleich kündigt er an: "Einige Entscheidungen werden große Opfer erfordern."In den Problemen, das wenigstens ist sicher, liegt die wirkliche europäische Parallele. Fischer jedenfalls ist beeindruckt.Bologna tut ein übriges.Nach dem Treffen, auf der raffiniert beleuchteten Piazza del Nettuno, schwärmt er noch ein wenig."Mit Prodi kann man schwarzgrüne Erfahrungen machen, anders als mit den deutschen Christdemokraten."Dennoch, auch zu Hause sei die schwarzgrüne Debatte "nicht totzukriegen". Fischer glaubt, das hänge mit der Sehnsucht nach einer Politik jenseits der Lagergrenzen zusammen."Der Sozialflügel der CDU, modernisierte Sozialdemokraten und Grüne unter der Führung eines unabhängigen Christdemokraten" - so denkt Fischer sich einen deutschen Ulivo. Und selbst wenn daraus nichts würde, was gäbe es noch für Perspektiven! Italien, schwärmt Silvia Zamboni, die grüne Umweltstadträtin von Bologna, würde Fischer mit offenen Armen empfangen.Die Grünen liegen bei 2,5 Prozent.Hier könnte er sogar Parteichef werden: "Er ist klug, brillant, inhaltlich-kämpferisch, und er ist sehr populär."Silvia strahlt.Fischer lacht.Bella Italia! Aber zu Hause wartet schon Gerhard Schröder.Der nächste Enkel, der sein Glück versuchen will."Ist Schröder ein Prodi?" lautet, am nächsten Morgen auf dem Flugplatz, Fischers absurde Frage. "Alles läuft auf ihn hinaus", ahnt Fischer.Längst hat er selbst seine Oliventräume wieder im Griff.Ein bißchen drohend, ein bißchen melancholisch verschiebt er das Projekt auf "nach 98".Er weiß: "Die Enkel müssen ihren Weg zu Ende gehen."Und Joschka muß mit.