Schlangestehen sind die Moskauer gewohnt. Doch der Laden, vor dem sich seit einigen Wochen allmorgendlich die Leute drängen, ist etwas ganz Neues: "Schulden" heißt er und bietet im Auftrag des Finanzamts Waren an, die von den Behörden bei Unternehmen beschlagnahmt wurden, die ihre Steuern nicht zahlten. An Lieferanten mangelt es nicht: Allein in Moskau standen im vergangenen Jahr über sechzehn Milliarden Mark aus. Daunenmäntel, Hosen, Hemden werden zu Schlußverkaufspreisen verschleudert. Gelegentlich durchstöbern Geschäftsleute das Angebot nach billigen Telephonen oder gebrauchten Büromöbeln. Hauptziel sei aber nicht die Versorgung der Bevölkerung mit Schnäppchen, sagt der Chef der Moskauer Steuerfahndung. Er verspricht sich eine abschreckende Wirkung auf Steuerschuldner: "Wenn ein Manager im Laden einen Bürostuhl sieht, auf dem gestern noch ein Kollege von ihm saß, begreift er, daß sein Stuhl der nächste sein könnte."