Noch findet alles nur im Kopf statt. Bei Edward Witten gibt es keine großtechnischen Apparaturen zu besichtigen, keine Versuchsaufbauten und noch nicht einmal ein gezeichnetes Modell. Dennoch bewegt sich der Physiker durch zehndimensionale Räume, erforscht Schwarze Löcher und arbeitet, wie er selbst sagt, an "der Physik des 21.

Jahrhunderts". Er sucht, wonach Albert Einstein zeit seines Lebens vergeblich geforscht hat: nach einer Weltbeschreibung, die alle Naturphänomene vereinigt. Ist Edward Witten vielleicht größenwahnsinnig?

Unter seinen Kollegen jedenfalls ist der Ruf des 45jährigen Physikers aus Princeton fast schon legendär. Vielen gilt er als eine Art neuer Einstein, und manche, wie John H. Schwarz vom California Institute of Technology, meinen gar, seit Newtons Zeiten habe es keinen Physiker mit vergleichbaren mathematischen Fähigkeiten gegeben. Und das Time Magazine kürte ihn unlängst zu einem der 25 einflußreichsten Amerikaner unserer Zeit.

Denn Witten ist der Wortführer einer Schar von Denkern, die mit teilweise abstrus klingenden Ideen die Physik revolutionieren wollen. Ihrer Vorstellung zufolge sind die kleinsten Bausteine dieser Welt keine punktförmigen Elementarteilchen, sondern winzige Fädchen oder Saiten ("strings"), die in verschiedenen Formen schwingen können und dadurch die Vielfalt aller Erscheinungen hervorbringen.

Diese "Superstring"-Theorie löste anfangs beträchtliche Euphorie unter den Forschern aus, da sie viele ungelöste Fragen zu erklären schien. Allerdings ließ die Begeisterung Ende der achtziger Jahre nach, als die Theorie gewaltige mathematische Abgründe offenbarte.

Studenten und Doktoranden wandten sich mit Grausen, und die String-Physiker schienen sich in in einem Wald von unzähligen theoretischen Lösungen zu verirren.

Nun allerdings haben die Fädchentheoretiker neuen Mut geschöpft.