Neu! Neu!! Neu!!! Das sonst so reservierte Bibliographische Institut ist ganz außer sich geraten. Während das Adjektiv "neu" auf dem Einband des Konkurrenzprodukts aus dem Bertelsmann Lexikon Verlag schlappe siebenmal untergebracht ist, schrillt es auf dem des aktuellen Rechtschreib-,Dudens ' dem Benutzer nicht weniger als siebzehnmal entgegen, dem potentiellen Käufer reichlich Graus und Lust des Ungewohnten verheißend. Nebenbei wird ihm so auch gleich klargemacht, daß Rechtschreibung nicht nur eine leidige Notwendigkeit, sondern dazu ein Bombengeschäft ist. Tatsächlich spiegelt die Menge der Neuheitsbeteuerungen beider Verlage recht genau ihre respektiven Marktanteilserwartungen wider.

Die eigentliche Neuigkeit dieser seiner 21. Auflage aber affichiert der ,Duden' natürlich nicht: Der Aufdruck "Maßgebend in allen Zweifelsfällen", der seine früheren Auflagen zierte, ist sangund klanglos entfallen.

Denn eine wenig beachtete Folge der beschlossenen Rechtschreibreform besteht darin, daß das Regelungsmonopol des ,Dudens' nach über vierzig Jahren aufgehoben ist. Er ist keine quasiamtliche Anweisung an das deutschschreibende Volk mehr, sondern nur noch, was nun auch jeder andere Verlag herausbringen darf: ein Buch voller hoffentlich recht geschriebener Wörter. Ein seltsamer und unnormaler Zustand hat ein Ende.

Durch eine Pointe der Geschichte stand eben die Verlagskonkurrenz, mit der das ,Duden'-Monopol heute beendet wird, auch an seinem Anfang. Jener "Stillhaltebeschluß" der Kultusministerkonferenz, der dem Bibliographischen Institut einst das Monopol verlieh, erging auf eine Provokation durch das Haus Bertelsmann hin.

Der Hersfelder Gymnasiallehrer Konrad Duden gab seit 1880 im Bibliographischen Institut Leipzig Rechtschreibwörterbücher heraus. Offiziellen Status hatten sie nie. Sie waren nichts als persönliche Empfehlungen, fußend auf den preußischen und dann auch bayerischen Rechtschreibregeln für die Schulen. (Bismarck hatte den Behörden sogar ausdrücklich verboten, die preußische Schulorthographie zu verwenden.) Mit der II. Orthographischen Konferenz von 1901 kam dann ein einheitliches Regelwerk für das ganze Reich. Unmittelbar danach, 1902 und 1903, brachte Duden sein Wörterbuch aktualisiert neu heraus, und das gleich zweifach, eins für die Schulen, eins für die Setzereien. Erst 1915, vier Jahre nach Dudens Tod, wurden beide zu "dem Duden" zusammengefaßt, avancierte sein Name endgültig zum Markenzeichen. Maßgebend aber war "der Duden" nicht; maßgebend waren allein die staatlichen Regelbücher, die ihm zugrunde lagen.

Von Anfang an war das Verhältnis "des Dudens" zu diesen offiziellen Regeln nicht unheikel. Die Konferenz von 1901 hatte einiges von vornherein ungeregelt gelassen - so die Zeichensetzung, so die Getrennt- und Zusammenschreibung. Diese Lücken füllte der ,Duden' aus eigener Machtvollkommenheit. Anderes war zwar geregelt worden, aber die Sprachgemeinschaft wollte einfach nicht gehorchen: So wurden die vorgesehenen Doppelschreibungen für Wörter wie Accent/Akzent stillschweigend getilgt und nur eine übriggelassen. Außerdem können natürlich bei einem unübersehbaren, ständig im Fluß befindlichen Gebilde, wie es eine natürliche Sprache darstellt, allgemeine Regeln niemals jeden Fall voraussehen; erst nach und nach kommt zum Vorschein, daß eine Regel hier und da nicht greift, hier und da widersprüchliche Folgen zeitigt oder daß zwei Regeln, völlig korrekt auf denselben Einzelfall angewandt, zu entgegengesetzten Ergebnissen führen. So entstehen die notorischen "Zweifelsfälle", die irgendwie gelöst werden wollen. Der ,Duden' behauptete zwar, nichts als das reine Gesetz zu sein. Tatsächlich aber war schon Konrad Duden klar geworden, daß seine Wörterbücher nicht überall den Buchstaben, sondern bestenfalls den "Geist der amtlichen Vorschriften" hinter sich hatten.

Das letzte amtliche Regelbuch erschien 1944; nach dem Krieg gab es keines mehr. Seitdem operierte der ,Duden'-Verlag sozusagen ganz im Leeren: Die alten Regeln galten weiter, erwiesen sich aber angesichts der Sprachentwicklung im Nachkriegsdeutschland als immer unzulänglicher, so daß immer mehr Entscheidungen gefällt werden mußten, die von den Regeln nicht mehr gedeckt waren "Ausdifferenzierung" lautete das Wort. 1947 erschien in Leipzig die erste Nachkriegsauflage des ,Dudens', die dreizehnte. Es folgten Lizenzausgaben in Westdeutschland und 1954 dann eine erste westdeutsche Neubearbeitung, die vierzehnte. Seitdem gab es zwar keine neuen Regeln, aber gleich zwei Auslegungen der alten: ab 1956 aus zwei miteinander strikt verfeindeten Bibliographischen Instituten, einem in Mannheim und einem in Leipzig.

In dieser Situation trat der Bertelsmann Verlag 1954 mit einer eigenen "Deutschen Rechtschreibung" auf den Plan, die reißenden Absatz fand. Sie war ganz und gar kein dilettantisches Unterfangen. Ihr Herausgeber war der Lexikograph Lutz Mackensen, und hinter ihm stand die Gesellschaft für deutsche Sprache. Im wesentlichen folgte auch sie den amtlichen Regeln. Aber gut hundert deutlich gekennzeichnete "Zweifelsfälle" - also Fälle, für die keine oder sich widersprechende amtliche Regeln vorlagen - löste sie anders als der ,Duden'; einige Male setzte sie sich auch über geltende Regeln hinweg. (Und Mackensen wird jetzt posthum die Genugtuung zuteil, daß die Orthographiereform seine abweichenden Schreibungen - im Klaren statt im klaren, Maschine schreiben statt maschineschreiben nahezu alle übernommen hat.)

Eine historische Studie von Gerhard Augst und Hiltraud Strunk hat den Fall 1988 dokumentiert. Die ,Duden'-Redaktion schrie prompt zetermordio, beklagte die einreißende Verwirrung, warnte vor "rechtschreiblicher Anarchie" und übertrieb Mackensens leichte Unorthodoxie dabei maßlos: "Überall ist die Tendenz zu erkennen, um jeden Preis von der bisherigen Regelung abzuweichen . . ." Beim Staat fand sie offene Ohren. Am 18. November 1955 bestätigte und erneuerte die Kultusministerkonferenz einen fast schon vergessenen Beschluß von 1950. Das war der sogenannte Stillhaltebeschluß: "Bis zu einer etwaigen Neuregelung sind [die alten amtlichen] Regeln die Grundlage für den Unterricht in allen Schulen. In Zweifelsfällen sind die im ,Duden' gebrauchten Schreibweisen und Regeln verbindlich."

Wem der Staat ein Monopol einräumt, dem schenkt er eine Bonanza. Beiden Seiten ist zugute zu halten, daß die geschäftlichen Folgen des KMK-Beschlusses damals für sie keine Rolle gespielt zu haben scheinen, vielleicht gar nicht bemerkt wurden. Paul Grebe, der Leiter der ,Duden'-Redaktion, glaubte, die von ihm und vielen anderen gewünschte Rechtschreibreform stehe kurz bevor, so daß der von ihm erstrittene Beschluß nur für ein kurzes Interim gelten und Konfusion verhindern werde. Den Rechtschreibbeauftragten der KMK, den Bremer Kultursenator Willy Dehnkamp, scheint vor allem tiefer Horror vor orthographischer Anarchie bewegt zu haben.

Aber kommerziell zeitigte der Beschluß prompt Wirkung: Bertelsmann war aus dem Feld geschlagen. Die Rechtschreibreform kam und kam nicht, ein einziger privater Verlag interpretierte und aktualisierte und setzte die Regeln, und alle mußten sie ihm ein ums andere Mal abkaufen. Vierzig Jahre lang blieb dem ,Duden' ernsthafte Konkurrenz erspart.

Vielleicht um keine schlafenden Hunde zu wecken, hat das Bibliographische Institut die Auflagenhöhen immer vornehm verschwiegen, aber vermutlich ist der ,Duden' der Best- und Longseller schlechthin gewesen. Kaum ein Haushalt, kaum ein Büro im deutschen Sprachgebiet, in dem nicht mindestens ein Exemplar steht. Für die nächsten fünf Jahre rechnet man mit einem Markt (denn nun ist es wieder ein Markt) für zwanzig bis dreißig Millionen Rechtschreiblexika. Überschlagsweise liefe das auf ein Umsatzvolumen von bald einer Milliarde Mark hinaus, wahrlich keine Peanuts für die Verhältnisse des deutschsprachigen Verlags- und Sortimentsbuchhandels.

Denn die Deutschen lieben zwar ihre Rechtschreibung nicht, und noch weniger lieben sie irgendwelche Änderungen der gewohnten Schreibung. Aber wenn eine Neuerung nicht mehr abzuwenden ist, werden sie geradezu geil auf sie. Vielerorts stürzt man sich schon jetzt, zwei Jahre vor der offiziellen Einführung, in die neue Orthographie, geradezu enttäuscht, daß die Änderungen so bescheiden ausgefallen sind. Der Bertelsmann Lexikon Verlag hatte darauf gewettet, daß die Reform trotz allen Zauderns am 1. Juli doch noch zustande käme, und schon im Juni 700 000 Exemplare seines reformierten Rechtschreibwörterbuchs ausgeliefert, die mehr oder weniger verkauft zu sein scheinen. Das Bibliographische Institut hatte im Sommer 1995 eine solche Wette verloren und mußte damals die schon gedruckte Erstauflage makulieren; diesmal wartete man lieber ab. Trotz dieses Spätstarts war die sicher nicht geringfügige Erstauflage innerhalb weniger Tage vergriffen. Denn auch wenn "dem Duden" nunmehr das Prädikat "maßgebend" fehlt, bleibt ihm die Aura vorläufig erhalten und damit der Vorsprung gewiß. Das Heer der Rechtschreibwilligen wird sich erst daran gewöhnen müssen, daß man richtig geschriebene Wörter nun auch anderswo suchen kann.

Gewöhnen an die neue Situation muß sich auch die ,Duden'-Redaktion noch. Mit der Reform wurde nicht nur ein neues amtliches Regelpaket in die Welt gesetzt; es wurde auch die Regelungskompetenz auf eine Zwischenstaatliche Kommission am Institut für deutsche Sprache übertragen. Günther Drosdowski, der ehemalige Leiter der ,Duden'-Redaktion, nannte diese Kommission 1995 im Spiegel "überflüssig wie einen Kropf". Wie auch anders - ein so lukratives Monopol rückt niemand gern heraus. Dabei wird man der ,Duden'-Redaktion nicht vorwerfen können, ihr Privileg mißbraucht zu haben. Sie hat Dudens Namen geradezu zu einem Synonym für professionelle Lexikographie gemacht und auch die Pflichten der Sprachseelsorge, die die Herausgabe derartiger Werke mit sich brachte, gewissenhaft auf sich genommen. Aber ungut war die Situation dennoch: nichts an den geltenden Regeln ändern zu dürfen, dennoch ständig etwas hinzuerfinden zu müssen - und an den verstohlenen "Ausdifferenzierungen" ohne jedes Risiko glänzend zu verdienen.

Früher ließ sich der ,Duden' kaum rezensieren. Er enthielt ja immer nur das Amtliche, auch wenn er zum Teil als sein eigenes Amt gewaltet hatte. Nunmehr hat der Käufer die Wahl, und der Rezensent kann vergleichen. Um soviel vorwegzunehmen: Der Vergleich geht nicht zugunsten des ,Dudens' aus. Schon wird sogar Alarm gegeben. Der Dortmunder Sprachwissenschaftler Hermann Zabel, vordem Mitglied der Orthographiekommission, hat das Bibliographische Institut bereits aufgefordert, seinen ,Duden' zurückzurufen und einzustampfen; und das Kultusministerium seines Landes, ihn an den Schulen nicht zuzulassen. Der Hauptgrund: daß er trotz all seiner Neuheitsbeteuerungen die neue Orthographie gar nicht wie beschlossen umsetze, sondern sie wie bisher weiter eigenmächtig interpretiere.

Sticht der Vorwurf? Was ergibt der Vergleich?

Zunächst ist zu sagen, daß "Die neue deutsche Rechtschreibung" von Bertelsmann - die nicht auf das Werk von Mackensen zurückgeht, sondern auf "Knaurs Rechtschreibung" aus dem Jahre 1974 - nur halb so teuer ist: 19,90 gegen 38 Mark. Beide Verlage warten auch mit einer CD-ROM auf, beidemal kostet sie doppelt soviel wie das entsprechende Buch, und beidemal ist das eine ziemliche Unverfrorenheit. Denn der Inhalt ist der gleiche wie im Buch, die Herstellungskosten machen aber höchstens die Hälfte aus. Es handelt sich also gar nicht um kalkulierte Preise, sondern um eine Art Strafgebühr, die dem CD-ROM-Benutzer für seinen technischen Vorwitz abverlangt wird. Der Markt wird es über kurz oder lang rächen und richten.

Der ,Bertelsmann' ist zwar über hundert Seiten dicker, enthält dem Anschein nach aber weniger Hauptstichwörter als der ,Duden' - eindeutig ein Pluspunkt für diesen. (Die Zählweise der Lexikonverlage differiert so stark, daß auf die eigenen Angaben wenig zu geben ist.) Im Einzelfall vermißt man mal bei diesem dies, mal bei seinem Konkurrenten jenes. Der ,Bertelsmann' kennt nur einen Fuzzi, aber keine Fuzzylogik. Dafür kennt der ,Duden' die BahnCard nicht (mit der die Deutsche Bahn AG jedem Orthographen die Haare zu Berge stehen läßt). Aber er kennt den Scheiß, der dem ,Bertelsmann' fehlt - und so endlos hin und her.

Beide Bücher heben die Neuerungen durch roten Druck hervor. Seltsam, daß es im ,Duden' sehr viel mehr Rot gibt. Wie sich schnell herausstellt, ist der Grund aber nicht, daß der ,Bertelsmann' mit der Reform lascher umgeht, sondern daß der ,Duden' immer das ganze Wort rot druckt, wo sich der ,Bertelsmann' mit einem roten Pfeil vor der neuen Schreibung begnügt. Der ,Duden' übertreibt typographisch also gehörig. Auf der Seite etwa, wo einem ein rotes pitschenass, pitschepatschenass, pitschnass und pitschpatschnass entgegenleuchtet, scheint geradezu Reformwut getobt zu haben; tatsächlich ist nur aus dem ß von naß ein ss geworden.

Der ,Bertelsmann' aber hat etwas, was dem ,Duden' fehlt: rot eingerahmte Kästchen im Wörterverzeichnis, in denen die wichtigsten Neuerungen an der betreffenden Stelle im Alphabet kurz erläutert werden. Wer ein geändertes Wort nachschlägt, sieht also nicht nur, wie seine neue Schreibung lautet, sondern mit einem Blick auch, warum sie so lautet - eine große Erleichterung in der Gewöhnungsphase, die die geringere Stichwortzahl des ,Bertelsmanns' mehr als wettmacht.

Der ,Duden' erleichtert es dem Benutzer nicht nur nicht, vom Wort zur Regel zu finden. Er macht es ihm extra schwer. Zwar druckt er wie der ,Bertelsmann' die neuen amtlichen Regeln, löst sie aber außerdem in ein eigenes Regelwerk mit eigener Zählung auf. Die Ziffern im Wörterverzeichnis verweisen einen auf die ,Duden'-Regeln, und erst wenn man dort nachschlägt, findet man den betreffenden Paragraphen der amtlichen Regeln. Vom Wort zur Regel findet man im ,Duden' also nur über einen umständlichen und redundanten Umweg.

In seiner Werbung hat sich der ,Duden' darüber lustig gemacht, daß der ,Bertelsmann' den Shootingstar als "schießenden Medienhelden" definiert. Daß er seiner richtigen früheren Definition "Senkrechtstarter" jetzt aber "neuer, sehr schnell erfolgreich gewordener Schlager" hinzufügt, ist auch nicht viel besser. Überhaupt sollten sich beide Redaktionen noch einmal Gedanken darüber machen, was in einem Rechtschreibwörterbuch definiert werden muß und wie. Die Auswahl der definierten Begriffe wirkt bei beiden eher zufällig. Und daß Newage, wie man laut ,Duden' leider demnächst schreiben muß (laut ,Bertelsmann' darf es daneben auch weiterhin New Age sein), ein "neues Zeitalter als Inbegriff eines neuen integralen Weltbildes" (,Duden') sein soll, ist keine Erklärung, sondern Propaganda. Oder Blödsinn. Oder beides.

So weit handelt es sich sozusagen um Fragen der Benutzerfreundlichkeit, und der ,Bertelsmann' schneidet dabei entschieden besser ab. (Als Wort ist sie beiden Büchern gleich unbekannt.)

Die Unterschiede betreffen aber nicht allein irgendeinen fakultativen Luxus. Der Benutzer will wissen, was Sache ist, wie eine neue Regelung denn nun lautet. Im wesentlichen verraten es ihm beide Lexika. In zweierlei Hinsicht aber enthält der ,Duden' es ihm systematisch vor.

Die Neuregelung sieht vor, daß Lehnwörter nicht nur wie bisher allein nach Sinn-, sondern wie alle deutschstämmigen Wörter auch nach Sprechsilben getrennt werden können. Beides soll hinfort richtig sein, He-li-kop-ter wie He-li-ko-pter, Pa-ro-die wie Par-o-die. Der ,Duden', der das Selberregeln offenbar nicht lassen kann, hält die früheren Varianten wohl für unnötig und unterschlägt sie einfach allesamt - ein klarer Regelverstoß.

Bei einer Reihe von ausländischen Wörtern soll es in der Reformorthographie künftig eine Haupt- und eine Nebenvariante geben: Newage neben New Age. Der ,Bertelsmann' vermerkt es brav, meistens jedenfalls: Spaghetti (Hv.), Spagetti (Nv.), Joghurt (Hv.), Jogurt (Nv.) und er tut recht daran, denn es wird große Multiplikatoren geben, graphische Betriebe zum Beispiel, die sich grundsätzlich an die Hauptvarianten halten wollen und dazu erst einmal wissen müßten, welches diese sind. Bei der ,Duden'-Manier, Varianten lediglich mit dem Vermerk "auch" oder "eindeutschend" zu versehen oder sie gänzlich zu unterschlagen, bleibt im unklaren, welches denn nun die Hauptvariante sein soll.

Schlägt man zum Beispiel im ,Bertelsmann' Photo oder Foto (oder alle Ableitungen) nach, so findet man unter F wie unter P einen kleinen Kasten, der einem sagt, welches künftig die Hauptund welches die Nebenvariante ist. Schlägt man Foto dagegen im ,Duden' nach, so findet man keinen Hinweis darauf, daß es die Ph-Schreibung überhaupt noch gibt, außer in Photochemie. Unter Photo dagegen findet man nur den Vermerk "vgl. Foto" und dazu in Rot einen Verweis auf die ,Duden'-Regel Nummer 33. Sucht man dann vorne im Buch diese heim, so steht dort: "Fotograf auch: Photograph" - und dazu ein Hinweis auf die amtliche Regel 20(2). Dort aber, hinten im Buch, findet sich nur: "Zu Haupt- und Nebenform siehe das Wörterverzeichnis". Der Benutzer wird also sinnlos im Kreis herumgeschickt. Daß künftig Foto . . . die Hauptvariante sein soll, ist aus dem ,Duden' nicht zu erfahren.

Außer diesen Makrounterschieden zwischen den beiden Konkurrenten gibt es leider jede Menge Mikrounterschiede. Das konnte nicht ausbleiben. Die Regeln regeln schließlich nicht jeden Einzelfall. Das tun die Lexikographen, die sie anwenden. Bei ihrer Auslegung können sie aber zu entgegengesetzten Ergebnissen kommen. Sie können eine Regel auch schlicht vergessen.

Der ,Bertelsmann' läßt nur das Modem zu, der ,Duden' daneben auch den Modem. Im ,Bertelsmann' gibt es nur die Multimedia (Plural), und das ist kühn genug, denn niemand weiß, wes Genus und Numerus das Wort sein soll und ob es überhaupt ein Substantiv ist; der ,Duden' aber hat seit seiner letzten Auflage entdeckt, daß es nur das Multimedia sein kann. Im ,Bertelsmann' erklärt ein Kasten hilfreicherweise den alten Zweifelsfall soviel/so viel: als Konjunktion zusammen, als Zahladverb auseinander; gleich daneben schreibt er aber halb soviel. Nach der neuen Regel ist beides erlaubt, aufs Gröbste und aufs gröbste; der ,Bertelsmann' läßt nur letzteres zu. Der ,Duden' wiederum findet, künftig müßte weiter klarmachen geschrieben werden; der ,Bertelsmann' schreibt dagegen klar machen und sagt auch, warum. Der ,Bertelsmann' kennt den anders Denkenden und den Andersdenkenden, der ,Duden' nur diesen. Der ,Bertelsmann' enthält den Hinweis auf die bisherige Schreibung um so, die ja noch etliche Jahre gelten soll, der ,Duden' kennt nur umso. Der ,Bertelsmann' schreibt wiederaufbauen, wiederbeleben, wiederfinden und so weiter; der ,Duden' wieder aufbauen - und da läßt sich nun trefflich auslegen: In der Bedeutung "erneut" sollen wieder plus Verb getrennt, in der Bedeutung "zurück" zusammengeschrieben werden. Und welche Bedeutung hat es nun in wieder vereinigen? (Bei meinen allerdings unsystematischen Stichproben hat der ,Bertelsmann' meiner Meinung nach öfter recht.)

Kurz, beide Verlage hatten es so eilig, daß nun der Fall eingetreten ist, der um keinen Preis eintreten sollte: Die große Errungenschaft von 1901, die deutsche Einheitsorthographie, ist dahin. Für lange neun Jahre gibt es zwei Orthographien nebeneinander. Und die neue gibt es nun auch noch in doppelter Auslegung. In den Klassenzimmern, Korrekturstuben und Wohnküchen können die Rechtschreibadepten und Scrabblespieler künftig mit einem gelben und einem blauen Buch aufeinander eindreschen.

Um zu retten, was sich retten läßt, müßte sich schleunigst eine verlagsunabhängige Arbeitsgruppe daranmachen, durch einen Wort-fürWort-Vergleich sämtliche neuen Zweifelsfälle aufzuspüren. Dann müßte die Zwischenstaatliche Kommission am Institut für deutsche Sprache ihre Handlungsfähigkeit beweisen und die festgestellten Zweifelsfälle schnellstens entscheiden. Damit es geschieht, müßten die Kultusminister den nötigen Druck machen. Es wäre ganz einfach und würde nichts kosten: Sie müßten nur androhen, daß zur offiziellen Einführung der neuen Rechtschreibung am 1. August 1998 an den Schulen nur jene Rechtschreibwörterbücher zugelassen werden, die den bis dahin hoffentlich "ausdifferenzierten" Regeln voll entsprechen. (Der unklärbare Rest wäre Fuzzylogik und sollte für die Allgemeinheit erträglich sein - auch die Haarspalter und Rechthaber brauchen schließlich ein harmloses Betätigungsfeld.) Und wenn die beiden Verlage an der Sache, an der sie langfristig zu verdienen hoffen, mehr Interesse hätten als am schnellen Geschäft, nähmen sie sofort beide Rechtschreibwörterbücher vom Markt und vertagten ihre Konkurrenz, bis sie mit einer Einheitsorthographie aufwarten können.