Manchmal vermag erst die distanzierte Betrachtung des Schriftstellers Klarheit in ein verworrenes Geschehen zu bringen. Den subjektiven Blick nimmt ihm niemand übel, allein die Fakten darf er nicht verdrehen. Dies aber haben Kritiker Peter Handke zu Recht vorgeworfen, als er vor acht Monaten auf 135 Buchseiten "Gerechtigkeit für Serbien" forderte. Auf einer Lesereise predigte er wie auf einer geistigen Einbahnstraße seinen Text, gegen Einwände war er unempfindlich. Kriegsberichterstatter schimpfte er in einer serbischen Zeitung "Verbrecher".

Jetzt versucht Peter Handke, in einer zweiten Erzählung, die er "Nachtrag" nennt, den bosnischen Krieg umzuwerten. Das neue Buch dokumentiert, daß es ihm Ernst ist mit der Geschichtsverdrehung. Handkes Helden sind die bosnischen Serben. Ihren Krieg vergleicht er mit dem Freiheitskampf der Indianer vor dem Hintergrund einer bukolischen Naturkulisse. Die Schurken sind bei ihm die Journalisten, die mit "kalt bösem Willen" zu den Serben in Bosnien gereist seien, um "Beute" für ihre Story zu machen.

In seiner ersten Erzählung stellte Handke Fragen, jetzt erwartet man Beweise - er ist kein Debütant mehr. Damals schrieb er über Bosnien, ohne dort gewesen zu sein, nun hat er Ausflüge in die einst mehrheitlich von Muslimen bewohnten Städte Visegrad und Srebrenica unternommen.

Handke wollte zunächst einmal nur "stummer, stiller Zeuge" sein, sich "in das Moos und zu den Pilzen schlagen". In Ostbosnien erschrickt er dann vor der Vernichtung des "Hauses an sich". In Srebrenica fallen ihm die Reste der "zu Boden gekrachten" Moschee auf. In Visegrad läßt er sich erklären, die Moscheen seien Waffenlager gewesen. "Bei der üblichen Leere der Moscheen schien das so unmöglich nicht", denkt sich Handke. Und trotzdem: "Die Ortsbewohner schienen bei all ihrer Offenheit noch ein Geheimnis zu haben."

Was Handke hier mystifiziert, ist in Zeugenaussagen, Filmaufnahmen, UN-Berichten vielfach dokumentiert worden. Nach vier Jahren systematischer Vernichtung der Lebensgrundlage der Muslime in Ostbosnien darf auch ein stummer Zeuge nicht mehr so dumm herumorakeln. Doch Handke braucht das "Geheimnis", sonst bräche sein bosnischer Indianertraum schnell zusammen.

Heftig drischt er auf den Feind ein, den Yankee in Gestalt eines Reporters der New York Times. Chris Hedges hatte beschrieben, wie serbische Freischärler im Frühling 1992 Visegrader Muslime umbrachten und vertrieben. Handke glaubt ihm nicht: "Wie konnte solch freihändiger Terror sich austoben gegenüber einer mehrheitlich muslimischen, für den Krieg gut gerüsteten Bevölkerung?" Doch hinter der "muslimischen Mehrheit" verbargen sich Kinder, Frauen und deren Männer, die, wenn überhaupt, leicht bewaffnet waren. Derweil holten sich serbische Soldaten ihre schweren Waffen in Belgrad ab. Den Rest hinterließ ihnen die abziehende Jugoslawische Volksarmee. Indianer fahren keine Panzer.