Als er 1978 sein Stück "Abigail's Party" im Schneideraum der BBC bearbeitete, rieten ihm die Techniker in aller Freundschaft, das Kino doch lieber aufzugeben. Mitte der achtziger Jahre, spätestens 1990 werde es auf der ganzen Welt kein einziges Kino mehr geben, niemand werde mehr Filme drehen, niemand wolle noch Filme sehen. "Und ich glaubte an diese pessimistische Prognose", sagt Mike Leigh achtzehn Jahre später. Mit 53 ist er ein bißchen weltberühmt, und dem Kino geht es gut wie lange nicht mehr. Jeder Film Leighs bekommt Preise, sein jüngster, "Lügen und Geheimnisse" , erhielt im Mai in Cannes die Goldene Palme.

Mike Leigh ist 1943 in Salford im nordenglischen Lancashire geboren und gehört zur Beatles-Generation, der erstmals der Aufstieg aus der Provinz erlaubt wurde. Leigh wollte weg aus Lancashire und ins Kino. In Salford hat er angeblich jeden Film der Fünfziger gesehen, alles zwischen Bibel-Epen und dem "Ungeheuer aus der schwarzen Lagune". Hollywood ging nieder in Kostümfilmen und Plastikmonstern, und in Europa erhob der Kunstfilm sein gräßliches Haupt. Leigh wollte trotzdem ins Kino oder fürs erste nach London. Studierte an der Royal Academy of Dramatic Arts und probierte es als Schauspieler. Die anderen schwärmten von Michelangelo Antonioni , er schlief regelmäßig ein bei diesem "Großmeister der Langeweile".

Mit geliehenem Geld drehte er 1971 seinen ersten Film, bekam seine ersten Preise, aber kein Geld mehr. Er inszenierte am Theater, drehte für die BBC, schrieb Stücke und Drehbücher, aber erst 1988 konnte er wieder einen Film fürs Kino drehen. Es war nicht mehr das Kino aus Salford mit Mantel und Degen und Riesenameisen, aber märchenhafterweise war es noch nicht verschwunden.

Mike Leighs Großvater hieß Meyer Liebermann, kam aus Rußland und war ein gefragter Künstler. Er retuschierte Photos, kolorierte alte Bilder nach, rüschte junge Toten auf, wie es während des Zweiten Weltkriegs oft verlangt wurde. Maurice in Mike Leighs "Lügen und Geheimnisse" ist ein gesuchter Photograph, weil er sich auf die pastellene Abtönung versteht.

Die Leute, die zu ihm kommen, sollen ein Bild mit nach Hause nehmen, mit dem sie leben können. Maurice blitzt Männer, Frauen, Ehepaare, Schwestern, Frauen mit Kindern, Frauen mit Hunden, Frauen allein, Frauen vor allem. Maurice versteht sein Geschäft; es ist seine Kunst, das Beste aus dem jeweiligen Typ zu machen. Nur einmal besteht eine Kundin darauf, daß ihr Gesicht besonders lebensecht herauskommt: Sie dreht ihren Kopf ins Profil und zeigt eine grauenhafte Narbe, die sich von der Stirn zum Kiefer verästelt. Maurice willfährt, es ist doch nur Dienst am Kunden.

Mit dem Schauspieler Timothy Spall, der den Photographen Maurice spielt, verbinden Mike Leigh ein Bart, ein sittlich gefestigter Bauch und der gleiche magensaure traurige Blick, aber er weist alle Vermutungen auf ein Selbstportrait weit von sich. Der Photograph schönt, wie's seine Aufgabe seit alters, aber Mike Leigh leuchtet sein Personal drastisch aus. Es gibt derzeit keinen Regisseur, der ähnlich grausam wäre. Er zeigt seine - meine - deine Wunde nicht bloß, er malt sie auch noch aus in glühenden Farben. Johnny in "Naked" läuft wie ein offenes Messer durch die Gegend, die magersüchtige Nicola in "Life Is Sweet" frißt nachts heimlich und schmiert sich im Bett den Körper mit Nutella ein, und Aubrey, der Koch, auch in "Life Is Sweet", auch schon gespielt von Timothy Spall, schlägt alles kurz und klein, als sich keine Kundschaft zeigt in seinem Restaurant. Leighs Menschen sehen nie besonders gut aus, aber sie haben immer zu tun, und sei es mit ihrer eigenen Trübsal.