Die mageren Jahre (3): Das Ende der Gewißheiten – Seite 1

Am 26. Juni 1981 erhielten im Alexander-von-Humboldt-Gymnasium Schweinfurt fünf junge Männer das Reifezeugnis. Sie waren achtzehn Jahre alt und voller Zuversicht. Die Welt schien ihnen offenzustehen. Die deutsche Wirtschaft brauchte damals Akademiker und besonders mathematisch-naturwissenschaftlich orientierte, wie sie das Humboldt-Gymnasium heranzog.

Acht Jahre später rutschte der deutsche Maschinen- und Anlagebau in die Krise, die 1993 ihren Höhepunkt erreichte. Die Lebenspläne der fünf gerieten durcheinander und bekamen Brüche.

Heute sind sie Mitte Dreißig, gut ausgebildet und in den besten Jahren. Ihre Generation soll die deutsche Wirtschaft in den nächsten zwanzig bis dreißig Jahren tragen. Vieles ist für sie nicht mehr selbstverständlich - auch der Glaube an Autoritäten oder an den Staat nicht. Sie glauben mehr an die eigene Kraft und den eigenen Ideenreichtum als an Institutionen, die einen auffangen. Sie sind nicht verbittert, doch sie sehen der Zukunft mit Skepsis entgegen und rechnen mit allem. Der ZEIT haben sie erzählt, wie sie zu ihrer Lebenssicht gekommen sind: fünf Portraits.

Walter Röhrich, selbständiger Elektrotechniker in Nürnberg

Es war 1991, als Walter Röhrich (Name v.d Red. geändert) die größte Fehlentscheidung seines Lebens traf. Aber wie bei jedem Reinfall weiß man das vorher natürlich nicht. Ja, sagt er, das sei eben das Schwierige am Leben, daß man es nur rückwärts verstehen könne, aber vorwärts leben müsse.

Die Fehlentscheidung bestand darin, daß Röhrich sich auf eigenen Wunsch von Werk A nach Werk B versetzen ließ. Er war bis dahin vielbeschäftigter Prüfmittelentwickler in der Fertigungsabteilung des Bereichs Öffentliche Netze der Philips Kommunikations Industrie (PKI) Nürnberg gewesen. Nun wurde er im gleichen Unternehmen ein Hardwareentwickler für Kennzeichenumsetzung in der Entwicklungsabteilung. Die komplizierten Bezeichnungen verdecken das Wesentliche: Erst hatte Röhrich viel zu tun, dann wenig. Am Anfang freute er sich darüber, doch bald gingen ihm Lust und Arbeit aus.

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Fünf Jahre zuvor hatte Röhrich, nach Abschluß des Studiums der Elektrotechnik an der Schweinfurter Fachhochschule, bei der Philips-Tochter in Nürnberg angeheuert. Noch beim Bewerbungsgespräch hatte man ihm den Arbeitsvertrag hingeschoben. Sein Arbeitgeber finanzierte den Umzug, legte bei der Miete drauf und zahlte auch sonst über Tarif.

Seine erste Stelle, sagt Röhrich, sei ein "optimaler Arbeitsplatz" gewesen. Eintönigkeit gibt es nicht bei der Entwicklung von Testautomaten für Leiterplatten. Er habe sich "in die Arbeit reingehängt", gleich sein erster Verbesserungsvorschlag sei prämiert worden. Großartige Kollegen, einige wurden seine Freunde, man saß am Stammtisch, spielte Fußball und feierte Sommerfeste. Das soziale Glück am Arbeitsplatz half Röhrich, selbst die Trennung von seiner Frau zu verschmerzen, die ihn 1987 verließ und das Kind mitnahm. Sein zweites Kind brachte sie bei ihren Eltern zur Welt.

Im Werk A kam es machmal zu Engpässen; Großaufträge der Telekom, des mit Abstand größten Kunden von PKI, konnten nur mit größter Mühe termingerecht erfüllt werden. Sooft ein Prüfautomat ausfiel, mußte Röhrich ran, oft nachts, manchmal am Wochenende. Sogar aus dem Urlaub wurde er geholt. Es wurde ihm zuviel. Walter Röhrich sehnte sich in all dem Trubel nach ein wenig Ruhe.

Nach seiner Versetzung ins Werk B hatte er dann mehr Ruhe, als ihm lieb war. Er saß seine Zeit ab. Die ganze Abteilung, ging ihm auf, hatte mehr und mehr Alibifunktion, und "alles, was herauskam, wanderte in den Abfalleimer". Er war daher kaum überrascht, als im Krisenjahr 1993 die große Sanierung über das Werk B hereinbrach. Die Abteilungsleiter verlasen laut die Namen auf den Kündigungslisten: Röhrich und ein weiterer Kollege aus der elfköpfigen Abteilung waren darunter. Der Kollege war am Boden zerschmettert. Röhrich dagegen mußte sich Gewalt antun, seine Freude zu verbergen. "Die Arbeit hat mich angekotzt", sagt er. Schnurstracks wanderte er zum Betriebsrat und sagte: "Wenn die Abfindung stimmt, gehe ich gleich." Er bekam zwei Monatsgehälter, das Weihnachtsgeld und obendrauf 37 000 Mark. Und ging.

Noch einige Entlassungswellen gingen über die PKI hinweg, bis sie 1995 zu großen Teilen an den amerikanischen Telephongiganten AT&T verkauft wurde. Röhrich heiratete wieder und ließ sich nun vom Bruder seiner Frau in dessen Heizungsbaufirma einstellen. Eigentlich hatte er gehofft, Teilhaber werden zu können, doch das wollte der Schwager nicht. Im Mai 1994 fing Röhrich neben einem Monteur und einer Sekretärin als dritter Angestellter offiziell an. Sein Gehalt betrug offiziell 1600 Mark netto im Monat. Die Abfindung ging als Privatkredit an die Firma des Schwagers.

Für diese Stellung war Röhrich zwar gleichzeitig über- und unterqualifiziert, doch der Dienst am Kunden war erfreulicher als die Arbeit für den Papierkorb. Aber der Schwager kam aus den roten Zahlen nicht heraus, und das hatte auch mit den veränderten Zeiten zu tun. Früher gab es Geld vom Staat für die Sanierung von Heizkesseln. "Jetzt", sagt Röhrich, "warten die Leute, bis alles zusammengebrochen ist. Das Handwerk tut sich schwer." Im Juni 1996 mußte der Schwager alle Mitarbeiter entlassen. Er ist so gut wie pleite und hat 150 000 Mark Schulden. Auch Röhrich sah seinen Kredit nicht wieder. Daß der Schwager zwar ein zuverlässiger Handwerker, aber kein besonders cleverer Geschäftsmann ist, hatte Röhrich schnell gemerkt: "Er dachte, er kann die Firma melken bis zum Abwinken. Daß er selbst die Firma ist, hat er nie recht begriffen."

Schon im vorigen Dezember hatte Röhrich, dem die ganze Sache unheimlich geworden war, sein eigenes Gewerbe angemeldet: eine Elektrofirma. Seit Sommer ist er nun selbständig. Er lebt von der Mundwerbung, die kostet ihn nichts. 35 feste Kunden hat er schon, dreimal so viele brauchte das Geschäft, um stabil zu sein, fünfmal so viele, um zu florieren. Er repariert Elektrogeräte und Telephonanlagen und plant mit einem Kompagnon, in den Mobilfunk und ins Geschäft mit dem Internet einzusteigen. Röhrich macht monatlich 572 Mark Gewinn, nach Abzug aller Kosten wie Telephon und Auto. Faktisch lebt er vom Ersparten aus der Zeit als Ingenieur. Alle zwei Wochen verdient er überdies zwanzig Mark, weil er in der Sonntagsmesse die Orgel schlägt. "Der Glaube ist meine innere Burg", sagt er, "er hilft mir zu vertrauen, daß aus allem Schlechten etwas Gutes erwachsen wird."

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Manchmal muß Röhrich etwas in einem Haus reparieren, dessen Eigentümer die Wohnungen vorzugsweise an Sozialhilfeempfänger vermietet denn das Sozialamt zahlt pünktlich. Und unter Menschen, die, ohne die Hand zu rühren, mehr verdienen als er, fragt sich Kleinunternehmer Röhrich manchmal im stillen: wozu noch arbeiten? Und dann kommt er zum Ergebnis: "Wenn ich nur das Geld sehe, lohnt es sich nicht. Doch wenn ich den Persönlichkeitsverfall jener Leute mit einrechne, die in den Suff flüchten, meine Rechnungen nicht zahlen und deren Kinder in den Wohnungen vergammeln, dann merke ich, daß es Schlimmeres gibt, als für wenig Geld zu arbeiten."

Peter Flohrschütz, angestellter Diplominformatiker in Fürth

Es war im November vergangenen Jahres, als bei Peter Flohrschütz das Telephon ging und eine bekannte Stimme sprach: "Ich hab' mal 'ne komische Frage: Haben Sie Interesse zurückzukommen?" Der Anrufer war einmal sein Vorgesetzter gewesen, in der Zeit, als Flohrschütz noch bei der Softwareentwicklung in der Konstruktionsabteilung der Werkzeug- und Hartstoffirma Hertel AG gearbeitet hatte. Flohrschütz bekundete Interesse. Und der Anrufer sagte, das sei schön, man suche wieder Leute.

1993 war Flohrschütz dort von der dritten Entlassungswelle erwischt worden. Das Fürther Stammwerk der Werkzeugmaschinenfirma entließ damals 270 von 400 Angestellten. Flohrschütz war sich seines Arbeitsplatzes eigentlich ganz sicher gewesen. Doch dann, er kam gerade in bester Stimmung aus dem Urlaub, war die Diskussion über seine Zukunft schon in vollem Gange. Erst wollte man ihn versetzen, dann, im Juni, kam die Kündigung.

Flohrschütz ging ohne Bitterkeit. Er nahm es nicht persönlich, es hatte ja viele getroffen. Die Firma hatte hohe Verluste eingefahren, und die Auftragslage war fürchterlich, denn der Irak und Rußland waren als Kunden ausgefallen. Außerdem war er Junggeselle und noch dazu der Benjamin der Abteilung. "Vielleicht hätte ich einen Groll entwickelt, wenn ich gewußt hätte, was auf mich zukommt", sagt Flohrschütz heute rückblickend.

Der junge Informatiker erinnerte sich noch, wie einfach alles war, als er 1988 sein Informatikstudium an der Universität Erlangen abgeschlossen hatte. Auf vier Bewerbungen waren damals drei Vorstellungsgespräche und mindestens ein ernsthaftes Angebot gekommen.

Diesmal, nach der Kündigung 1993, sah die Sache düsterer aus. Jetzt bekam Flohrschütz auf 124 Bewerbungen in der ganzen Bundesrepublik ebenfalls nur drei Vorstellungstermine. Und alle lehnten ab. Auf jede freie Stelle stürzten sich nun 40 bis 400 Bewerber. Ein ganzes Jahr lang blieb Flohrschütz ohne Arbeit. Er schrieb Bewerbung um Bewerbung und sammelte die Absagen in einem Ordner, um sich nicht aus Versehen zweimal bei derselben Firma anzudienen. Doch als Mathematiker gab er nicht auf: Nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeitsrechnung stieg seine Chance mit der Zahl der abgeschickten Briefe. "Anfangs ärgert man sich", sagt er heute, "dann gewöhnt man sich, und zum Schluß wird einem klar: Es ist Lotterie." Nie sei er verzagt gewesen, nie habe er an sich oder seinem Beruf gezweifelt. "Ich habe keine Angst", sagt er, "ich bin mir immer sicher, irgendwie geht es weiter." Und fügt dann hinzu: "Vielleicht ist das nur die Zuversicht desjenigen, der vom Hochhaus stürzt und sich bei jedem Stockwerk sagt: Bis jetzt ging's gut. Doch wer den Optimismus verliert, hat sich aufgegeben."

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Dem sozialen Netz hat es Flohrschütz zu verdanken, daß er seinen Lebensstandard einigermaßen halten konnte. Weder mußte er umziehen noch in Lumpen gehen. Auch seine Seele litt kaum. Er ließ sich fortbilden. Arbeitslos zu sein war für ihn keine Schande, allenfalls eine "unangenehme Situation". Das Arbeitslosengeld habe er ohne mulmige Gefühle genommen, es sei eben eine Versicherungsleistung gewesen, für die er jahrelang bezahlt hatte.

Ausgerechnet über das Arbeitsamt kam er schließlich auch wieder an eine Stelle. Er wurde Softwareentwickler bei einer Versicherung in Nürnberg. Das Betriebsklima stimmte, doch das Gehalt schien Flohrschütz eher kärglich, denn er wurde nun nicht mehr nach dem Tarif der IG Metall bezahlt, sondern nach dem schlechteren der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen. Deshalb bewarb er sich in aller Stille weiter. Er fand nichts Überzeugendes, doch immerhin kamen jetzt - er war in fester Stellung - auf zwanzig Bewerbungen zwei Vorstellungsgespräche.

Zwei Jahre blieb Flohrschütz in Nürnberg. Mitte dieses Jahres kehrte er dann - auf besagten Anruf hin - heim, in seine alte Firma, die alte Abteilung, zu den alten Kollegen, zum alten Chef - und zum alten Lohn. Man wollte ihn wieder, weil er sich in der hauseigenen Software schon auskannte. Als er an seinem ersten Arbeitstag herumgeführt wurde, war das sehr lustig. Er sah in lauter bekannte Gesichter, und es war ihm, als sei er niemals fortgewesen. Viel hatte sich in der Tat nicht geändert - nur der Name seines Arbeitgebers: Kennametal Hertel AG lautete er jetzt. Die Hertel AG war noch 1993 von Amerikanern aufgekauft worden. Sie ist heute die Europazentrale der Werkzeugfirma Kennametal aus Pennsylvania und Flohrschütz einer von 7000 Angestellten weltweit. Und noch etwas war neu: Das Management, das ihn damals rausgesetzt hatte, ist weg, die Führungscrew besteht jetzt überwiegend aus Amerikanern. Eine Veränderung der Arbeitsatmosphäre hat der Rückkehrer bislang jedoch nicht festgestellt.

Flohrschütz fühlt sich heute relativ sicher, seine Firma ist nun auf ihrem Gebiet weltweit die Nummer zwei. Richtig geborgen kommt er sich aber vor, wenn er in der Zeitung lesen muß, daß auch Versicherungen und Banken angefangen haben, Personal abzubauen. "Wenn jetzt schon die Unternehmen entlassen, die die Rekordgewinne einfahren, wo sollen denn dann die ganzen Arbeitslosen hin?" fragt er sich.

Als die fünf jungen Männer Abitur machten, war ihre unterfränkische Heimatstadt Schweinfurt mit gut 50 000 Einwohnern eine reiche Industriestadt. Sie bot so viele Arbeitsplätze, wie sie Einwohner zählte, und nahm pro Kopf so viel Gewerbesteuer ein wie keine andere Stadt Bayerns.

Bis 1989. Dann brach über Schweinfurt am Main eine Katastrophe herein: Die drei großen Arbeitgeber am Ort, die metallverarbeitenden Großbetriebe SKF (Schwedische Kugellagerfabriken), Fichtel & Sachs und ganz besonders der Wälzlagerhersteller FAG Kugelfischer, gerieten in große Not. Rezession und Strukturkrise in der Wälzlagerproduktion machten aus Schweinfurt plötzlich eine bayerische Krisenregion mit einer Arbeitslosenquote von 20 Prozent. Zwischen 1990 und 1994 baute die ansässige Großindustrie 10 000 Arbeitsplätze ab, über ein Drittel ihrer Belegschaft. Allein FAG Kugelfischer entließ 1992/93 4000 Mitarbeiter.

Steffen Braune, selbständiger Photograph in Schweinfurt

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Es gebe Nächte, sagt Steffen Braune, da sitze er senkrecht im Bett, unfähig zu schlafen. Dann krieche die Sorge zu ihm unter die Decke: Er hat eine Familie, er hat ein Haus gekauft und im Geschäft stark investiert. Er ist am Punkt seiner maximalen Arbeitsleistung angekommen. Er rackert sieben Tage in der Woche, hat seit fünf Jahren keinen Urlaub gemacht und ist höchstens vierzig Tage im Jahr daheim bei seiner Frau. "Das sind die Bedingungen", sagt er, "unter denen man in unserer Zeit und in dieser Region Erfolg hat."

Und Steffen Braune hat Erfolg, auch wenn es lange nicht danach aussah. Viele haben früher an ihm gezweifelt, und jeder einzelne Zweifler ist für Braune ein Grund gewesen, es allen zu zeigen. "Ich weiß heute genau, was ich will", sagt er, "als ich 1981 Abitur machte, hatte ich weder Mut noch Selbstvertrauen."

Das war es wohl, weshalb Steffen Braune, der schon als kleiner Bub alles photographiert hat, was sich bewegte, nicht auf seinem Berufswunsch beharrte, sondern - wegen der Sicherheit - in Würzburg Betriebswirtschaft studierte. Nicht lange allerdings, denn unter all den souveränen, weltoffenen Hochglanzkommilitonen, die ins Management strebten, kam Braune sich farblos wie ein Schwarzweißbild vor.

Als er in Schweinfurt einen Ausbildungsplatz als Photograph und Kameramann bekam, warf er das Studium hin. Die Eltern rauften sich die Haare. "Sie wollten unbedingt den akademischen Titel", sagt Braune, "etwas, das sich vorzeigen läßt." Der Schwiegervater in spe, ein Chefarzt, stellte Bedingungen: Wenn er die Tochter haben wolle, dann nur mit dem Diplom der Betriebswirtschaft. Als die Drohung nichts nützte, blieben die Schwiegereltern der Hochzeit fern. "Jung, dynamisch, erfolglos - so charakterisierten sie mich", sagt Braune noch heute bitter, "doch daraus erwuchs mir viel Ehrgeiz."

1985 gab das Glück Braune recht. Er bekam eine neue Stelle als Jungphotograph beim Kugellagerhersteller FAG Kugelfischer. Es war der begehrteste Ausbildungsplatz weit und breit. Das Unternehmen hatte damals fünf festangestellte Industriephotographen und eines der modernsten Studios in der gesamten deutschen Industrie. Es waren noch die richtig guten Zeiten bei FAG. Die Werbeabteilung zählte siebzig Mitarbeiter, Ziel war Qualität, egal, zu welchem Preis. Braune photographierte sämtliche Produkte: Auf Tausenden von Bildern rückte er Kugellager, Maschinen und Fertigungsanlagen ins beste Licht. Auch die Kugelfischer-Erben, die Familie Schäfer, setzten sich ihm vor die Linse. Die Kühlschränke im Photolabor quollen vor Filmmaterial über, und nie hörte Braune jemanden sagen: Das ist aber zu teuer. "Wenn ich hundert Polaroids von einem Gegenstand machte", sagt er, "hat das keinen interessiert - undenkbar für ein profitorientiertes Studio. Wir waren der reine Luxus."

Der Luxus währte bis 1987. Dann kamen die ersten Vorboten der Krise im Maschinenbau und bei den Automobilzulieferern, und zum erstenmal hieß es bei FAG: Das können wir uns nicht mehr leisten. Dazu gehörte auch Steffen Braune. Man zog die fest zugesagte Stelle zurück und bot ihm zum Trost an, unten in der Kugellagermontage als Hilfsarbeiter im Dreischichtbetrieb anzufangen.

Braune erinnert sich noch gut an jenen Tag Ende 1987, als sein Chef, ein bekannter Industriephotograph, ihm mit kühlem Bedauern mitteilte, daß es aus sei. Später, in den schweren Krisenjahren 1992/93, habe ebendieser Photo-Chef auch seine gesamte übrige Mannschaft geopfert, um sich selbst zu retten: Er habe als einziger seine Stelle behalten. "Er war mein großes Vorbild gewesen, er hatte mir Mut gemacht", erinnert sich Braune, "wir waren sehr kollegial miteinander, fast freundschaftlich. Er lud mich ein und besuchte mich zu Hause. Das Eis war gebrochen - und plötzlich, über Nacht, fror es wieder zu." Für den jungen Braune war es wie ein Schlag auf den Kopf. Er stand plötzlich ganz allein. "Wenn es gut läuft", hat auch er lernen müssen, "dann merkt man nicht, wie charakterstark einer ist. Erst wenn die Schwierigkeiten kommen, zeigt sich das wahre Gesicht."

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Zufällig traf Braune diesen ehemaligen Chef kürzlich wieder. Ganz klein sei er auf einmal gewesen. Alt und grau habe er dagestanden mit seinem Kameratäschchen. "Da ist der letzte Rest von ihm weggebröselt." Damals aber, als es eng wurde, wußte Braune, daß dieser Chef jetzt zum Heer derer gehörte, denen er es zeigen mußte.

Braunes Lage war um so schwieriger, als er gerade Vater wurde und niemanden hatte, von dem er Geld bekommen oder genommen hätte. Also machte er sich unfreiwillig selbständig. Über seine guten Beziehungen zur Familie Schäfer bekam er von Kugelfischer den Auftrag, für 98 000 Mark einen großen Schulungsfilm für Monteure zu drehen. Der Film gelang und zog andere Großaufträge nach sich. Braune leistete sich eine eigene Ausrüstung, es schien aufwärtszugehen. Doch 1993, als es in Schweinfurt und besonders bei FAG Kugelfischer zu den plötzlichen Massenentlassungen kam, hätte das Unternehmen den Einzelkämpfer fast noch mit in den Abgrund gerissen. FAG stornierte Filmaufträge für 200 000 Mark, und Braune, der schon 50 000 Mark vorfinanziert hatte, sah keinen roten Heller. Dem Konkurs entging er um Haaresbreite.

Nun mußte Braune sich allerorten als freier Kameramann anpreisen. Doch aus der ruinierten Region kamen keine Aufträge mehr. Erst nach und nach gelangte er über viele Umwege an die Post, zur Post gesellte sich die BASF. Steffen Braunes Geschäft arbeitet heute nicht nur mit Photos und Filmen, sondern auch auf CD-ROM, und er ist unabhängig von der Region um Schweinfurt. Mit einer Handbewegung, die steil nach oben weist, macht er klar, wie es um seine Produktionsfirma Milano steht. Sie hat heute fünf feste und drei freie Mitarbeiter, die alle einen gutgelaunten Eindruck machen. Seit 1995 kommen auch wieder Aufträge von FAG Kugelfischer. Braune sieht die alten Manager selbstbewußt in den alten Positionen sitzen, und alle - "jedenfalls die Gewinner dieses Spiels" - täten, als sei nichts geschehen.

Nie mehr eingepfercht sein in einer Hierarchie! Das ist die Lehre, die Braune aus seinem Berufsleben zog. Nie mehr Willkür und Machtkämpfen ausgesetzt sein. Nie soll es in seiner Firma je so zugehen. Braune ist nun selber Chef, doch dieses Wort ist ein Schimpfwort in seinen Ohren. Er hat überdurchschnittliche Ansprüche an seine Mitarbeiter, was Können und Einsatz angeht, also hat er die Leute am Gewinn beteiligt und jedem eigene Verantwortung zugeteilt. "Wer den Chef raushängen läßt", sagt Braune, "wird nur Leute kriegen, die einen Chef brauchen. Das ist auch das Problem der Industrie mit ihren Hackordnungen. Irgendwann sind die Angestellten so demotiviert, daß sie nur noch ihre Eigeninteressen im Auge haben."

Obwohl vorerst alles gut ausgegangen ist, gibt es immer wieder diese sorgenvollen Nächte, in denen Braune schlaflos im Bett sitzt. Dann bangt er um die Zukunft seiner beiden Kinder. Braune hat erfahren, "daß nichts sicher ist und daß es immer nur auf die eigene Kraft ankommt". Eines Tages werden auch seine Kleinen in jene Welt hinausmüssen, "in der es immer weniger Raum gibt für Menschen, die Zeit brauchen, um sich zu entwickeln". Und er als Vater kann ihnen dann nur den Rat geben, alles nicht so ernst zu nehmen. Denn: "Je weniger ich ernst genommen habe, desto größer war mein Erfolg."

Gerhard Wolf, angestellter Bauingenieur in Schweinfurt

Noch keinen Tag seines Lebens hat Gerhard Wolf Angst gehabt, ohne Arbeit dazustehen. "Mir geht es nie an den Kragen. Wenn ich das eine nicht machen kann, mache ich was anderes", sagt er sich und: "Wer sich wirklich anstrengt, wird etwas erreichen." Zu seinen Eltern sagt er: "Eurer Generation ging es immer besser und besser, unsere ist auf dem absteigenden Ast." Und zu seinem Sohn: "Du mußt Leistung bringen, mehr als die anderen. Es wird immer härter."

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Als Gerhard Wolf 1981 Abitur machte, war er schon Vater. Er hat deshalb den Raum Schweinfurt nie verlassen. An der örtlichen Fachhochschule begann er Elektrotechnik zu studieren, scheiterte aber im Vordiplom.

So verdingte er sich bei FAG Kugelfischer als Schleifer. Dort war der Name Wolf gut bekannt. Der Vater, der Onkel, der Bruder, alle standen im Dienst von FAG. Der Vater als Stopper, er legte die Akkordzeiten fest: "Ein Arbeiter-Ärgerer auf der niedersten Stufe", sagt Gerhard Wolf. Er selbst hatte seit seinem sechzehnten Lebensjahr bei Kugelfischer gejobbt, meistens in der Qualitätssicherung: "Ein öder Job." Er mußte kontrollieren, ob Innen- und Außenringe von Kugellagern richtig gearbeitet waren, war der geringste Fehler daran, flogen sie raus.

Beim ersten Mal packte ihn das Entsetzen. Man führte ihn durch eine riesige dunkle Halle voll von Rauch, Schleifwasser- und Petroleumdunst. "Es war die älteste Halle der ganzen Firma", erinnert sich Wolf. "Bis ich an meinem Arbeitsplatz war, mußte ich fast brechen."

Nun war er also wieder da. Ein halbes Jahr malochte er in drei Schichten. Man bot ihm an zu bleiben. Aber so richtig wollte ihm das Einleben nicht gelingen. Den Eltern hatte doch so viel an seinem Abitur gelegen. "Und jetzt fing ich an, die Bild-Zeitung zu lesen", sagt Wolf. Er beriet sich mit seiner Frau. Und sie beschlossen, er solle studieren und sie für den Lebensunterhalt sorgen. Er lernte Bauingenieur an der Fachhochschule in Würzburg. Und er wurde glücklich: "Es ist genau das, wozu ich geboren bin", sagt er, "es steht einem viel offen."

Gottlob hatte er das Angebot von Kugelfischer nicht angenommen! 1993 wurden Vater und Bruder mit Tausenden anderen entlassen. Den Alten schickte man in Vorruhestand, der Bruder kam in einem Geschäft für Anglersport unter und ist jetzt im Außendienst einer Fensterfirma. Nur der Onkel ist noch da. Er ist Betriebsinstallateur. "Aber wenn die draufkommen, Aufträge nach außen zu geben", sagt Wolf, "ist es für ihn auch aus." Wenn Wolf heute in die Schweinfurter Innenstadt zum Einkaufen geht, sieht er mit Befremden immer mehr Gestalten dasitzen, die die Hand aufhalten. Ein Bettler habe früher im kleinen Schweinfurt Aufsehen erregt, sagt Wolf, jetzt sitze an jeder Ecke einer.

Seit 1993 arbeitet Wolf als Hochbauleiter bei der Schweinfurter Baufirma Glöckle. Sie baut viel im fränkischen Raum und in den neuen Bundesländern. Wolf wird meist heimatnah eingesetzt und ist zufrieden. Um so mehr, als er zuvor üble Erfahrungen in einem kleinen Ingenieurbüro sammeln mußte: Der Chef hatte versucht, sich in schlechten Zeiten durch fristlose Kündigungen um die Abfindungen seiner Mitarbeiter zu drücken. Erst durch Klage und Pfändung kam Wolf an sein Geld.

"Im Baugewerbe herrscht ein ständiges Auf und Ab", sagt er, "und überall drücken billigere Kräfte herein. Nicht nur bei den Arbeitern, in Polen und Tschechien wird auch studiert." Bislang geht es noch gut, doch Wolf ist auf alles gefaßt. Er kann nicht mehr - wie noch sein Vater - davon ausgehen, sein Leben lang auf dem gleichen Posten beim gleichen Unternehmen zu sitzen. Viele seiner Bekannten und Verwandten mußten schon umsatteln. "In der jungen Generation übt keiner mehr den selben Beruf wie vor zehn Jahren aus", sagt seine Frau. Sie drängt auf ein eigenes Haus. Es ist für sie eine Kapitalanlage und längerfristig die "Garantie auf ein menschenwürdiges Alter". Wolf selbst will ans Alter nicht denken, doch er ist sicher, daß das Rentensystem zusammengebrochen sein wird, wenn er in die Jahre kommt. "Ich werde arbeiten müssen, solange ich mich bewegen kann", prophezeit er, "vielleicht werde ich in Supermärkten Einkaufswagen zusammenschieben. Trotzdem: Man schafft alles, wenn man sich zu nichts zu schade ist."

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Als die fünf Abitur machten, herrschte im Humboldt-Gymnasium Schülerhochstand. Im für 1300 Pennäler geplanten Gebäude lernten 2086 Kinder. Allein der Abiturjahrgang 1981 hatte 160 Abgänger. Alle waren 1962 zur Welt gekommen, im geburtenstärksten Jahrgang seit Kriegsende. Keine Klasse hatte weniger als vierzig Kinder.

Der Abiturjahrgang 1981, erinnert sich Ernst Häublein, der Direktor des Humboldt-Gymnasiums, das seien noch "Schüler alten Typs" gewesen: vielseitig, originell, bei weitem weniger beklommen von der Zukunftsangst der Eltern als die Schüler heute. Ein wacher Jahrgang, anregend, wenn auch nicht immer angenehm. Selbstbewußt wurden sie in eine scheinbar gesicherte Zukunft entlassen, der Abwärtstrend habe sich erst später entwickelt. Dagegen hoffe die Generation, die heuer Abitur mache, nicht mehr, dereinst ihren Traumberuf ergreifen zu können, sagt Häublein. Viele hätten keine klare Perspektive mehr, der Arbeitsmarkt mache sie konfus. "Sie sind ängstlich und abwartend ge worden", sagt der Oberstudiendirektor, "und lassen es am Optimismus fehlen."

Thomas Beuschlein, Manager in Brieske bei Dresden

Bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahr gehörte Thomas Beuschlein zu den Verlierern. Er steckte in einer Rolle, von der er sagt, sie sei sein Untergang gewesen: ein Kasper mit schlechten Noten. Die Schule war die Hölle. Die Eltern wünschten sich, daß sein Bruder das große Hi-Fi-Geschäft am Schweinfurter Marktplatz übernehmen sollte - ihn, meint er, hätten sie am liebsten in der Werkstatt verschwinden lassen.

Und dann erlebte er etwas, wonach er ein anderer war und über das er schweigt. Danach beschloß er, sich nie mehr von anderen in eine Schablone pressen zu lassen und für sich selbst verantwortlich zu sein. Er machte Abitur mit einem Schnitt von 1,6 und wurde Wirtschaftsingenieur. Als er 1991 sein Diplom mit der Note 1,5 machte, hatte er schon in den Vereinigten Staaten und Singapur gearbeitet und außerdem den Master of Business Administration (MBA) in der Tasche. Jenes Erlebnis vor vielen Jahren habe ihn verändert bis heute, sagt er: "Früher habe ich meine Umwelt als gegeben angesehen, heute weiß ich, daß ich sie gestalten kann und muß. Wenn ich heute einen Vorgesetzten klagen höre, er habe nur Pfeifen in seiner Abteilung, dann sag' ich zu ihm: Sie sind das Ergebnis deiner Führung."

Aus der Menge der Angebote entschied sich Beuschlein als Studienabgänger für die Walter AG, einen mittelständischen Werkzeugmaschinenhersteller in Tübingen mit 1600 Angestellten. Dort brauchte der Chef einen Assistenten. Die Firma lag "voll im Trend" und ging gerade an die Börse, der Boß konnte nicht mehr alles allein erledigen. Außerdem interessierte man sich für den asiatischen Markt, kurz - die Stelle paßte Beuschlein wie sein Anzug.

Er stieg mit Elan ein. Der Chef sei ein echter Elder statesman gewesen: cholerisch und launisch, aber offen und souverän gegenüber Kritik. "Beuschlein", pflegte er zu seinem Assistenten zu sagen, "Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit sind mir das wichtigste im Leben." Und weil Thomas Beuschlein am "Alten" hing, hat er sich diese Worte eingeprägt. "Ehrlichkeit ist langfristig immer ein Vorteil", sagt er, der heute selber Chef ist.

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In den kommenden zwei Jahren geriet die Walter AG in schwere See. Die Maschinenbaukonjunktur sackte ab, die Aufträge gingen um 30 Prozent zurück, und 600 Angestellte wurden entlassen. Auch das Asienprojekt war gestorben. Die Walter-Aktie fiel von 680 auf 120 Mark. Die Stimmung war gedrückt, der Boß gereizt, sein Assistent wurde von den Sitzungen des Vorstands ausgeschlossen - da es um Kündigungen ging - und selbst auf Kurzarbeit gesetzt. Er kam nur noch drei Tage die Woche, sein Gehalt wurde entsprechend reduziert. Er war erst dreißig und ahnte, das würde jetzt lange so weitergehen. Ein halbes Jahr später war er weg.

Seine nächste Station: Thyssen Düsseldorf, Abteilung Unternehmensentwicklung. Sie war bevölkert von entschlossenen jungen Leuten, die für das Firmenkonglomerat Thyssen den Kauf und Verkauf von Firmen und Beteiligungen organisierten. Beuschleins Leben war nun "absolut flexibel und mobil". Er mußte Termine innerhalb von Stunden wahrnehmen, Urlaube plötzlich absagen und übernachtete manchmal während einer Woche in sieben verschiedenen Städten.

Schon Ende 1993 zog Beuschlein wieder um. Er wurde Chef der Akquisition der Thyssen-Handel Berlin, Vorgesetzter einer Abteilung mit fünf altgedienten DDR-Mitarbeitern und zuständig für Projekte in Osteuropa. Beuschlein reiste nach Moskau, Tula und Nowolipesk. Handel mit Konsumgütern, die Bestückung eines Werkes für Chemiewaffen-Vernichtung stellte er sich vor und ein Metallurgie-Kombinat. In einem halben Jahr, sagt er, habe man ein halbes Dutzend Projekte angeschoben. Doch nun bekam Thyssen kalte Füße und holte ihn von der Front. "Die Message war", sagt Beuschlein, "ihre Projekte sind toll, aber sie interessieren uns nicht." Man hatte interne Probleme, außerdem war der russische Faschist Wladimir Shirinowskij beängstigend stark und populär geworden, die deutschen Unternehmen glaubten nicht mehr an Rußland: Beuschleins gesamte Abteilung wurde aufgelöst.

Er selbst wechselte nach Köln zur WIG, einer Thyssen-Instandhaltungstochter. Die schickte ihn in die Stadt Brandenburg bei Berlin, wo der Maschinenbaubetrieb BSA de Haan saniert werden sollte. "Es war eine zupackende Firma", erinnert sich Beuschlein, "die Leute arbeiteten wie verrückt, Kranke gingen nicht in den Krankenstand." Trotzdem mußte Personal abgebaut werden. Und der Jungmanager stand zum ersten Mal auf der anderen Seite. Der Firma drohte der Untergang, es mußten so viele wie möglich von Bord: Funktion überflüssig, Mann überflüssig. Der erste war der Prokurist. Weitere fünfzehn Kündigungen tippte Beuschlein nachts eigenhändig, damit die Namen nicht durchsickerten. Abfindungen konnte man sich nicht leisten. Jeden rief Beuschlein einzeln in sein Büro, um ihm die Schreckensbotschaft selbst mitzuteilen. "Das sind Momente, da wäre ich am liebsten durchs Fenster hinaus", sagt er. Sachlich bleiben, fair bleiben, aber keine Diskussionen anfangen, das waren die Regeln, an die er sich in solchen Momenten klammerte. Er mache sich nichts vor, sagt er, er habe einige dieser Menschen zum Sozialfall gemacht, aber werde man weich, sei alles verloren. Nach zwei Jahren war die Firma gesund. Heute exportiert sie Sondermaschinen, Stahl- und Walzwerksausrüstung, und Beuschlein sagt von sich: "Ich bin abgebrühter geworden."

Er hatte immer gewußt, eines Tages würde sein Beruf ihm so etwas abverlangen. Viele Manager würden krank, wenn es ans Entlassen ginge, sagt er, er aber habe sich offen und ehrlich den Betroffenen gestellt. "Und irgendwann", sagt Beuschlein nüchtern, "kann ich selbst dran sein. Wenn ich nicht aufpasse, bin ich für ein Unternehmen sehr schnell uninteressant. Das geht über Nacht. Firmen kennen keine Loyalität." Beuschlein ist alleinstehend und hat darauf geachtet, nie einen Lebensstil zu pflegen, der ihm irgendwann zum Problem werden könnte. Doch noch, sagt er, sei er ein gefragter Typ.

Seit Anfang Juni lebt Thomas Beuschlein in Dresden. Ein Headhunter hat ihn von der WIG abgeworben und ihm die Stelle des Prokuristen und Bereichsleiters Controlling bei der Bergbausanierung und Landschaftsgestaltung (BUL) Brandenburg angeboten. Die Firma zählt 2800 Beschäftigte, die meisten ABM-Kräfte. Der Hauptgesellschafter der Sanierungsfirma, Hochtief, hat sich jedoch bei der Treuhand verpflichtet, Arbeitsplätze zu schaffen und viele der Beschäftigten einzustellen. Sie beheben Umweltschäden, die der Braunkohleabbau in der Lausitz angerichtet hat, füllen gewaltige Löcher auf, verschrotten Gleise und Fabrikausrüstungen, karren kontaminierte Erde weg, reißen brüchige Hallen und Gebäude ein und pflanzen Bäume.

Doch wieder wird Beuschlein entlassen müssen. Und diesmal wird es noch bitterer, denn er ist mit den Leuten zusammengewachsen. "Unser Wirtschaftssystem ist ebenso brutal wie das amerikanische", meint er, "besonders gegenüber den Arbeitslosen. Wer hier entlassen wird, kriegt kaum wieder eine Stelle. In den USA gibt es keine Langzeitarbeitslosigkeit - unser System fördert sie." Beuschlein streitet gar nicht ab, sich inzwischen eine "Arbeitgeberdenkweise" angeeignet zu haben: Gewerkschaften seien keine progressiven Einrichtungen mehr wie einst, sondern Fossilien, die sich in Besitzstandswahrung übten. Doch die großen Umwälzungen kämen auf Deutschland zu, nämlich dann, wenn das Heer der Arbeitslosen noch weiter angeschwollen sei. "Wir nehmen unseren Wohlstand gar nicht mehr wahr", sagt er, "über Privilegien wie die 35-Stunden-Woche oder den 6-Wochen-Urlaub freut sich doch kein Mensch. Doch das wird alles anders werden."

Die mageren Jahre (3): Das Ende der Gewißheiten – Seite 10

Beuschlein arbeitet zehn Stunden am Tag. Erst spätabends wandert er durch die Stadt Dresden, wo an jeder Ecke gebaut wird. "Vielleicht haben wir gar keine Rezession", denkt er auf solchen Spaziergängen plötzlich bei sich, "oder eine, die nur einen Teil der Bevölkerung trifft." Hier jedenfalls entstünde ein Abschreibungsobjekt neben dem anderen: Eine Menge Deutscher wisse also nach wie vor nicht, wohin mit ihrem Geld.