Fünf Jahre zuvor hatte Röhrich, nach Abschluß des Studiums der Elektrotechnik an der Schweinfurter Fachhochschule, bei der Philips-Tochter in Nürnberg angeheuert. Noch beim Bewerbungsgespräch hatte man ihm den Arbeitsvertrag hingeschoben. Sein Arbeitgeber finanzierte den Umzug, legte bei der Miete drauf und zahlte auch sonst über Tarif.

Seine erste Stelle, sagt Röhrich, sei ein "optimaler Arbeitsplatz" gewesen. Eintönigkeit gibt es nicht bei der Entwicklung von Testautomaten für Leiterplatten. Er habe sich "in die Arbeit reingehängt", gleich sein erster Verbesserungsvorschlag sei prämiert worden. Großartige Kollegen, einige wurden seine Freunde, man saß am Stammtisch, spielte Fußball und feierte Sommerfeste. Das soziale Glück am Arbeitsplatz half Röhrich, selbst die Trennung von seiner Frau zu verschmerzen, die ihn 1987 verließ und das Kind mitnahm. Sein zweites Kind brachte sie bei ihren Eltern zur Welt.

Im Werk A kam es machmal zu Engpässen; Großaufträge der Telekom, des mit Abstand größten Kunden von PKI, konnten nur mit größter Mühe termingerecht erfüllt werden. Sooft ein Prüfautomat ausfiel, mußte Röhrich ran, oft nachts, manchmal am Wochenende. Sogar aus dem Urlaub wurde er geholt. Es wurde ihm zuviel. Walter Röhrich sehnte sich in all dem Trubel nach ein wenig Ruhe.

Nach seiner Versetzung ins Werk B hatte er dann mehr Ruhe, als ihm lieb war. Er saß seine Zeit ab. Die ganze Abteilung, ging ihm auf, hatte mehr und mehr Alibifunktion, und "alles, was herauskam, wanderte in den Abfalleimer". Er war daher kaum überrascht, als im Krisenjahr 1993 die große Sanierung über das Werk B hereinbrach. Die Abteilungsleiter verlasen laut die Namen auf den Kündigungslisten: Röhrich und ein weiterer Kollege aus der elfköpfigen Abteilung waren darunter. Der Kollege war am Boden zerschmettert. Röhrich dagegen mußte sich Gewalt antun, seine Freude zu verbergen. "Die Arbeit hat mich angekotzt", sagt er. Schnurstracks wanderte er zum Betriebsrat und sagte: "Wenn die Abfindung stimmt, gehe ich gleich." Er bekam zwei Monatsgehälter, das Weihnachtsgeld und obendrauf 37 000 Mark. Und ging.

Noch einige Entlassungswellen gingen über die PKI hinweg, bis sie 1995 zu großen Teilen an den amerikanischen Telephongiganten AT&T verkauft wurde. Röhrich heiratete wieder und ließ sich nun vom Bruder seiner Frau in dessen Heizungsbaufirma einstellen. Eigentlich hatte er gehofft, Teilhaber werden zu können, doch das wollte der Schwager nicht. Im Mai 1994 fing Röhrich neben einem Monteur und einer Sekretärin als dritter Angestellter offiziell an. Sein Gehalt betrug offiziell 1600 Mark netto im Monat. Die Abfindung ging als Privatkredit an die Firma des Schwagers.

Für diese Stellung war Röhrich zwar gleichzeitig über- und unterqualifiziert, doch der Dienst am Kunden war erfreulicher als die Arbeit für den Papierkorb. Aber der Schwager kam aus den roten Zahlen nicht heraus, und das hatte auch mit den veränderten Zeiten zu tun. Früher gab es Geld vom Staat für die Sanierung von Heizkesseln. "Jetzt", sagt Röhrich, "warten die Leute, bis alles zusammengebrochen ist. Das Handwerk tut sich schwer." Im Juni 1996 mußte der Schwager alle Mitarbeiter entlassen. Er ist so gut wie pleite und hat 150 000 Mark Schulden. Auch Röhrich sah seinen Kredit nicht wieder. Daß der Schwager zwar ein zuverlässiger Handwerker, aber kein besonders cleverer Geschäftsmann ist, hatte Röhrich schnell gemerkt: "Er dachte, er kann die Firma melken bis zum Abwinken. Daß er selbst die Firma ist, hat er nie recht begriffen."

Schon im vorigen Dezember hatte Röhrich, dem die ganze Sache unheimlich geworden war, sein eigenes Gewerbe angemeldet: eine Elektrofirma. Seit Sommer ist er nun selbständig. Er lebt von der Mundwerbung, die kostet ihn nichts. 35 feste Kunden hat er schon, dreimal so viele brauchte das Geschäft, um stabil zu sein, fünfmal so viele, um zu florieren. Er repariert Elektrogeräte und Telephonanlagen und plant mit einem Kompagnon, in den Mobilfunk und ins Geschäft mit dem Internet einzusteigen. Röhrich macht monatlich 572 Mark Gewinn, nach Abzug aller Kosten wie Telephon und Auto. Faktisch lebt er vom Ersparten aus der Zeit als Ingenieur. Alle zwei Wochen verdient er überdies zwanzig Mark, weil er in der Sonntagsmesse die Orgel schlägt. "Der Glaube ist meine innere Burg", sagt er, "er hilft mir zu vertrauen, daß aus allem Schlechten etwas Gutes erwachsen wird."