Dem sozialen Netz hat es Flohrschütz zu verdanken, daß er seinen Lebensstandard einigermaßen halten konnte. Weder mußte er umziehen noch in Lumpen gehen. Auch seine Seele litt kaum. Er ließ sich fortbilden. Arbeitslos zu sein war für ihn keine Schande, allenfalls eine "unangenehme Situation". Das Arbeitslosengeld habe er ohne mulmige Gefühle genommen, es sei eben eine Versicherungsleistung gewesen, für die er jahrelang bezahlt hatte.

Ausgerechnet über das Arbeitsamt kam er schließlich auch wieder an eine Stelle. Er wurde Softwareentwickler bei einer Versicherung in Nürnberg. Das Betriebsklima stimmte, doch das Gehalt schien Flohrschütz eher kärglich, denn er wurde nun nicht mehr nach dem Tarif der IG Metall bezahlt, sondern nach dem schlechteren der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen. Deshalb bewarb er sich in aller Stille weiter. Er fand nichts Überzeugendes, doch immerhin kamen jetzt - er war in fester Stellung - auf zwanzig Bewerbungen zwei Vorstellungsgespräche.

Zwei Jahre blieb Flohrschütz in Nürnberg. Mitte dieses Jahres kehrte er dann - auf besagten Anruf hin - heim, in seine alte Firma, die alte Abteilung, zu den alten Kollegen, zum alten Chef - und zum alten Lohn. Man wollte ihn wieder, weil er sich in der hauseigenen Software schon auskannte. Als er an seinem ersten Arbeitstag herumgeführt wurde, war das sehr lustig. Er sah in lauter bekannte Gesichter, und es war ihm, als sei er niemals fortgewesen. Viel hatte sich in der Tat nicht geändert - nur der Name seines Arbeitgebers: Kennametal Hertel AG lautete er jetzt. Die Hertel AG war noch 1993 von Amerikanern aufgekauft worden. Sie ist heute die Europazentrale der Werkzeugfirma Kennametal aus Pennsylvania und Flohrschütz einer von 7000 Angestellten weltweit. Und noch etwas war neu: Das Management, das ihn damals rausgesetzt hatte, ist weg, die Führungscrew besteht jetzt überwiegend aus Amerikanern. Eine Veränderung der Arbeitsatmosphäre hat der Rückkehrer bislang jedoch nicht festgestellt.

Flohrschütz fühlt sich heute relativ sicher, seine Firma ist nun auf ihrem Gebiet weltweit die Nummer zwei. Richtig geborgen kommt er sich aber vor, wenn er in der Zeitung lesen muß, daß auch Versicherungen und Banken angefangen haben, Personal abzubauen. "Wenn jetzt schon die Unternehmen entlassen, die die Rekordgewinne einfahren, wo sollen denn dann die ganzen Arbeitslosen hin?" fragt er sich.

Als die fünf jungen Männer Abitur machten, war ihre unterfränkische Heimatstadt Schweinfurt mit gut 50 000 Einwohnern eine reiche Industriestadt. Sie bot so viele Arbeitsplätze, wie sie Einwohner zählte, und nahm pro Kopf so viel Gewerbesteuer ein wie keine andere Stadt Bayerns.

Bis 1989. Dann brach über Schweinfurt am Main eine Katastrophe herein: Die drei großen Arbeitgeber am Ort, die metallverarbeitenden Großbetriebe SKF (Schwedische Kugellagerfabriken), Fichtel & Sachs und ganz besonders der Wälzlagerhersteller FAG Kugelfischer, gerieten in große Not. Rezession und Strukturkrise in der Wälzlagerproduktion machten aus Schweinfurt plötzlich eine bayerische Krisenregion mit einer Arbeitslosenquote von 20 Prozent. Zwischen 1990 und 1994 baute die ansässige Großindustrie 10 000 Arbeitsplätze ab, über ein Drittel ihrer Belegschaft. Allein FAG Kugelfischer entließ 1992/93 4000 Mitarbeiter.

Steffen Braune, selbständiger Photograph in Schweinfurt