Vielleicht werde ich im nächsten Jahr in einem besonderen Guinness Buch der Rekorde zu finden sein: in einem Verzeichnis von Mathematikern und Zahlenfreaks, die eine bis dato unbekannte Primzahl entdeckt haben. Also eine natürliche Zahl, die größer ist als 1 und sich ohne Rest nur durch 1 und durch sich selbst teilen läßt - mit "natürlich" bezeichnen Mathematiker die schlichten Zahlen 1, 2, 3, 4, 5 . . ., die ersten, die wir als Kind gelernt haben.

Bis zum Jahr 1951 enthielt das Entdecker-Verzeichnis nur eine Handvoll Namen, beginnend mit Leonardo da Pisa, genannt Fibonacci, der im Jahr 1202 eine Tabelle der Primzahlen von 11 bis 97 zusammengestellt hatte. Ihm folgte Pietro Cataldi, dem 1588 zwei sechsstellige Primzahlen aufgefallen waren. Den Rekord hielt 75 Jahre lang der französische Mathematiker Edouard Lucas mit seiner im Jahr 1867 gefundenen Primzahl, die sich ergibt, wenn man 2^127-1 ausrechnet. Sie hat 39 Ziffern.

Dann aber brach das Computerzeitalter an, und alsbald purzelten die Rekorde nur so. Heute sind Primzahlen, die aus weniger als tausend Ziffern bestehen, offenbar so kleine Fische, daß ihre Entdecker in dem Verzeichnis, das im Internet kursiert , gar nicht mehr berücksichtigt sind; es enthält 30954 Primzahlen, von denen 18567 allein in diesem Jahr gefunden wurden. Die bislang größte ist ein Gigant mit 378632 Ziffern - in Worten kann die niemand ausdrücken. Sie würde, in der ZEIT abgedruckt, elf Seiten prall füllen. Übrigens: Zwei amerikanische Schüler, Curt Noll und Laura Nickel, sind in dem Verzeichnis mit einem 6533stelligen Primzahlriesen vertreten, den sie 1978 fanden.

Vor 1951 waren die Trophäen der Primzahljagd eher Nebenprodukte der Bemühungen, den Nebel zu durchdringen, der nach wie vor die Primzahlen umhüllt. Mit dem Einsatz der Supercomputer hat die Fahndung eine sportliche Note bekommen, die manchmal vergessen läßt, daß dabei häufig wertvolle Forschung betrieben wird, nämlich auf dem Gebiet der Programmierung.

Doch es geht auch ganz anders. Statt für den nächsten Primzahlrekord wieder einen Großcomputer einzuspannen, ließe sich die Arbeit auf einige hundert oder tausend PCs verteilen, sagten sich die Initiatoren von The GREAT Internet Mersenne Prime Search und bliesen zur fröhlichen Pirsch auf der Datenautobahn. Im Internet holt man sich dafür von der Adresse http://ourworld.compuserve.com/homepages/justforfun/prime.htm ein Programm nebst einem Intervall, einer langen Zahlenliste - und auf geht's. Das Programm wird gestartet und prüft nun jede Zahl aus dem Intervall daraufhin, ob sie prim ist oder nicht. Das dauert Monate.

So ist aus der Primzahlsuche ein Glücksspiel geworden. Wer von den angebotenen Intervallen eines erwischt hat, in dem sich eine Primzahl versteckt, gilt als ihr Entdecker und bekommt einen Platz im Buch der Primrekorde.