Berlin/Dresden - Natürlich ist sie aufgeregt, natürlich zittern die Finger ein wenig. Doch das weiß Gunda Röstel geschickt zu verbergen: Sie drückt die Hände fest auf den Tisch, ballt sie zur Faust. Sie atmet tief, so ist auch nichts von der Nervosität zu hören, mit der sie ihre erste Pressekonferenz als Kandidatin für den Bundesvorsitz der Grünen gibt. Mit fester Stimme redet sie, laut, fast aggressiv. Sie kontert schlagfertig, weicht unpäßlichen Fragen mit photogenem Lächeln aus, überstrahlt inhaltliche Lücken mit rhetorischem Geschick. Die Journalisten sind hingerissen - Gunda Röstel, eine mediengerechte Kandidatin.

Hinterher freut sie sich ungeniert, daß der Auftritt so gut gelaufen ist. In den Augen blitzt Lust an der Öffentlichkeit. "Der Posten ist eine große Herausforderung für mich", sagt sie. Kein Zweifel, sie nimmt sie gern an: "Eine solche Chance bietet sich nicht oft."

Ende November, auf dem Bundesparteitag von Bündnis 90/Die Grünen, will die 34jährige als Sprecherin des Bundesvorstandes gewählt werden. Die Chancen stehen gut - dank der grünen Quotenregelungen. Die bisherige Direktorin einer Förderschule in der sächsischen Provinz paßt als Ergänzung zum Westlinken Jürgen Trittin, dessen Wiederwahl auf den zweiten Sprecherposten als sicher gilt: Sie ist eine Frau, kommt aus Ostdeutschland und sieht sich selbst als Realpolitikerin. Andere Bewerberinnen gibt es bisher nicht; alle prominenten Politikerinnen, die den grünen Kriterien entsprochen hätten, winkten ab. In einer wochenlangen Rasterfahndung fand die Partei dann Röstel. Bisher stand sie bei den Grünen nur in der vierten Reihe, eine fast unbekannte Feierabendpolitikerin, die sich als ehrenamtliche Beisitzerin im sächsischen Landesvorstand mühte.

Ihre politische Karriere begann Gunda Röstel 1989. Zur Wendezeit half sie in ihrer Heimatstadt Flöha, das Neue Forum zu gründen. Im Jahr darauf zog sie in den ersten frei gewählten Kreistag ein. Später war sie an den Vereinigungsverhandlungen zwischen Bündnis 90/Grünen beteiligt. 1993 wurde sie Landessprecherin in Sachsen. Sie hielt sich im Hintergrund, die Strippen zogen andere. Bei der Landtagswahl 1994 errang Röstel einen Achtungserfolg, in ihrem Wahlkreis bekam sie doppelt so viele Erst- wie Zweitstimmen. Trotzdem wurde auch sie für das Debakel verantwortlich gemacht, das die Partei bei dieser Wahl erlebte: Nachdem sie öffentlich über eine Koalition mit Biedenkopfs CDU geredet hatten, stürzten die Grünen auf 4,1 Prozent ab. Landtag ade.

Zum angestrebten Wechsel auf den Bonner Sprecherposten hat sie der parlamentarische Geschäftsführer der Bündnisgrünen im Bundestag, Werner Schulz, überredet. Gunda Röstel gehört zu der Gruppe um den Leipziger Bundestagsabgeordneten, die die sächsischen Parteilinken "die Hyperrealos" schimpfen. Schulz preist seine Kandidatin als "Top-Frau". Sie habe "Führungsqualität, bringt das nötige Selbstbewußtsein mit, ist kommunikativ und klug".

Gunda Röstel und der parlamentarische Geschäftsführer kennen sich seit Jahren. Die Wahl der Aufsteigerin würde für einen kurzen Draht zwischen Bundestagsfraktion und Parteivorstand sorgen. In der Vergangenheit hatten diese beiden grünen Machtzentren häufig aneinander vorbeigeredet. Auch deshalb engagieren sich jetzt zahlreiche Parteipromis für die Wahl der Sächsin. Die Pressearbeit der Kandidatin wird mittlerweile in der Bonner Parteizentrale koordiniert, und sogar Joschka Fischer hat inzwischen Gefallen an der bislang Unbekannten gefunden.

Die Kandidatin, Mutter zweier Kinder, verkörpert die neue - noch sehr schmale - Mittelschicht, die sich in Ostdeutschland seit 1989 herausbildet. Ihr Mann ist Eigentümer einer Software-Firma, die inzwischen elf Angestellte beschäftigt. Gunda Röstel zählt nicht zu den "Jammerossis", ist kein "Wendehals", keine "Stasijägerin". Sie gehört zu jenen jungen, engagierten Bürgern, die die Chancen des Umbruchs genutzt haben, die erfolgreich sind, mit dem neuen System problemlos klarkommen und mittlerweile gut verdienen. Denen die DDR zu eng war oder gewesen wäre.

Gunda Röstel kommt aus evangelischem Elternhaus. Schon in der sozialistischen Schule eckte sie an, bekam nicht den gewünschten Studienplatz für Medizin, ärgerte sich als Sonderschullehrerin über ideologische Vorgaben, wurde an einem Zweitstudium gehindert. Schließlich hatten sie die vielen kleinen Schikanen des Staates zermürbt: "Ich verstand nicht, warum mir immer Steine in den Weg gelegt wurden. Ich war doch kein Staatsfeind." Im Frühjahr 1989 stellte Gunda Röstel einen Ausreiseantrag; als sie prompt aus dem Schuldienst entlassen wurde, zog sie gegen die Kündigung vor Gericht.

Doch in den Prozeß platzte die Wende. Gunda Röstel wurde wieder eingestellt und von den Kollegen, gerade 28 Jahre alt, zur Direktorin gewählt. Seitdem ist sie Vorgesetzte von rund vierzig Leuten. Das sind mehr, als sie im Fall ihrer Wahl in der Bundesgeschäftsstelle der Grünen antreffen wird.

Daß der Politiker-Job in Bonn hart ist, weiß sie. Einen "Kopfsprung ins Haifischbecken" nennt sie den geplanten Wechsel. "Ostdeutsches Transportmittel" wolle sie sein, sie möchte Themen ins Gespräch bringen, "die bei den Grünen bisher zu kurz kommen". Da hat sie eine Menge zu tun, schließlich geraten auch in ihrer Partei die neuen Länder häufig aus dem Blickfeld. Als die Dasa in Niedersachsen - dem Heimatland Jürgen Trittins - mit Entlassungen drohte, veröffentlichte der grüne Bundesvorstand umgehend eine Solidaritätserklärung. Den Zusammenbruch der Industrie jenseits der Elbe hat man weitgehend übersehen. Auch die neuen ostdeutschen Kläranlagen, überdimensioniert und mit veralteter Technologie ausgerüstet, gäben ein klassisches Thema ab.

"Wir zählen in Bonn immer noch als Dazugekommene", erinnert sich die Brandenburgerin Marianne Birthler, die 1993/94 an der Parteispitze stand und schließlich entnervt abtrat. "Gesamtdeutsche Kompetenz wird uns selten zugetraut, als Ostdeutsche wird man nur gefragt, wenn es um den Osten geht." Nie sei aber jemand auf die Idee gekommen, Jürgen Trittin nur auf Westdeutschland anzusprechen. Nun soll Gunda Röstel, hofft ihr Förderer Werner Schulz, das "Repräsentationsdefizit Ost" abbauen, nicht zuletzt mit Wirkung nach außen. Die Grünen wollen der PDS das vermeintliche Monopol als ostdeutsches Sprachrohr streitig machen. Gunda Röstel soll sich also neben Gregor Gysi als Stimme des Ostens am Rhein etablieren. Und nach zwei Jahren in Bonn, kalkulieren die sächsischen Strategen, könnte sie die Partei 1999 zu Hause in den nächsten Landtagswahlkampf führen.

Doch Gunda Röstel fehlen viele Antworten, selbst bei typisch grünen Themen. Politische Spuren hinterließ sie nur auf ihrem Spezialgebiet, der Bildungspolitik; da aber ist sie wegen ihrer Nähe zum sächsischen CDU-Bildungsminister in der eigenen Partei nicht unumstritten. "Ich muß thematisch noch viel lernen", gibt sie zu. Daß sie das schafft, trauen ihr auch die Kritiker im eigenen Landesverband zu.

Vorerst drückt sich die Kandidatin um klare Aussagen wohlweislich herum. Sie stehe "hinter den Beschlüssen der Bundesdelegiertenkonferenz", lautet ihre Standardformel. Von schwarz-grünen Koalitionen hat sie sich mittlerweile verabschiedet ("von der CDU trennen uns Welten"), und auch mit der PDS schließt sie eine Zusammenarbeit kategorisch aus. Die Frau, die sich selbst ein "pragmatisches Politikverständnis" attestiert, will sich aus "Ideologiedebatten" heraushalten. Doch gerade bei einer Partei wie den Grünen dürfte ihr das kaum gelingen.

Immerhin, nach Meinung von Werner Schulz bringt Gunda Röstel für ihre künftige Aufgabe mindestens eine gute Voraussetzung mit: "Als Leiterin einer Schule für lernbehinderte Kinder hat sie pädagogische Erfahrung." Das sei wichtig, sagt Schulz, denn: "Die Grünen sind ja manchmal ein ganz schön infantiler Haufen."