Damals, im Januar, als die vier von Grevesmühlen auf freien Fuß gesetzt und Safwan Eid verhaftet wurde, wandte sich - "Lübecker Fanal" - Roderich Reifenrath, der Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, gegen "einen vorauseilenden Journalismus", bei dem "noch mitten in der Recherche abschließende Wertungen gewagt wurden".

Er bedauerte: "Unser aller Verdacht kam hier und dort und nicht bloß auf dem Boulevard wider besseres Wissen als Gewißheit unter die Leute, weil die Handschrift so verteufelt der von Rechten, Neonazis oder Skinheads gepflegten ähnelt."

Das sollte der FR nicht passieren bei der Berichterstattung vom Lübecker Prozeß gegen Safwan Eid, der das Haus angezündet haben soll, in dem er sich mit seinen Angehörigen schlafen legte.

Für die aus Köln angereiste Kollegin bringt der Sanitäter L., der Kronzeuge der Staatsanwaltschaft, auf dessen richtigem Gehör allein die Anklage ruht, jene Gewißheit, deren sie bedarf. Sie rühmt "seine pedantisch-genaue Art, mit der er die Dinge gewichtet", beanstandet die Verteidigerinnen, die den Kronzeugen "aufs pingeligste befragten". Sie weiß, daß L. "in seiner genauen Art" Wert darauf legt, daß Safwan Eid nicht "Wir waren es" sagte, sondern "Wir waren's". Und so liefert "dieser leidenschaftlich seinen ehrenamtlichen Sanitätsberuf ausübende Jens L. derart detailgenaue Angaben zu dem, was folgte, daß im Gericht nur noch das Kratzen der Stifte von eifrig mitschreibenden Pressevertreter[n] zu hören war . . ."

Die dachten alle wie die FR-Reporterin über diesen Zeugen: ". . . wußte er die ihm von den Verteidigerinnen des Angeklagten vorgehaltenen Widersprüche in Details souverän zu erklären, das jedenfalls war der Eindruck der Berichterstatter."

Jeder Gerichtsreporter darf irren, solange er nur "ich" sagt.

Doch wer aus der eigenen Voreingenommenheit den Eindruck aller Berichterstatter bastelt, verläßt den Boden der Kollegialität.