Christoph Dieckmann: "Die heilige Schrift",

ZEIT Nr. 35 Gunter Hofmann: "Die profane

Demokratie", ZEIT Nr. 37

Mit Hofmann teile ich die Faszination über Dieckmanns "Rede wider das Verschwinden der Sprache in der Gegenwart", nicht jedoch sein Befremden. Das mag an meiner ostdeutschen Herkunft liegen, vor allem aber an meinen zwar nicht sechseinhalb, aber drei Jahren Sprach-, Philosophie- und Theologiestudium. Nicht Heidegger, aber immerhin Josef Pipers "Vom Philosophieren" hat mich (noch als Bausoldat) zu nächtlicher Lektüre verleitet. Vom Pfarramt hielten mich nicht Kirchendächer oder das Redenmüssen vom Innersten und Äußersten ab, sondern die eigenartige Erwartung des Bischofs, nur wegen dieses Berufs nie heiraten zu wollen.

Aus solcher Geistesverwandtschaft heraus kann ich nicht anders, als für Dieckmanns Rede Verständnishilfen anzubieten - für Hofmann und alle, die sein Befremden teilen. Um mit dem letzten anzufangen: Dieckmann träumt sich gewiß nicht zurück in die Zitadelle geistigen Bürgertums. Muß ich wirklich die Selbstironie erklären, die mitschwingt: "Der Doktor Wolfgang Ullmann lehrte uns die romantische Ironie und las mit uns Hölderlin, vormittags um elf (!): Die schwärmerische, die Nacht kommt, voll mit Sternen . . .", was sogleich durch die Zille-reife Szene von Jutta mit ihren vier Söhnen konterkariert wird. Oder: "Dann geschah das Schreckliche: Das Studium war vorbei."

Was ist so dramatisch an Dieckmanns Schlußakkord "Da wird Herkunft zur Habe: unsere Vergangenheit" am Ende eines gewiß überspitzten, prägnant-verdichteten Absatzes? Gönnerhaft räumt Hofmann ein, daß doch niemand den Ostautoren ihre Biographie nehme. Warum nimmt er nicht die Klage über die amoralische Verdrängung der doppeldeutschen Herkunft dieser neuen Bundesrepublik, die so gern die alte bliebe, auf? Hier liegt doch - und nun verlasse ich den Disput der beiden - eine Ursache für den anhaltenden Erfolg der PDS in den neuen Ländern, die mit einem unerträglichen Alleinvertretungsanspruch für die Menschen im Osten sich als Hüterin unserer Geschichte aufspielt. Das Groteske daran macht Dieckmann unbeabsichtigt deutlich, wenn er an die Hohlheit, die Enge, die sprachgestörte Idiotie der DDR erinnert.

Ein letztes. Wieso nehmen die "Ichs", die sich gesucht und gefunden haben, keine soziale Gestalt an? Dieckmanns vorletzter Absatz "Was hilft dagegen?" benennt doch soziale Gestalt, bis hin zu den Schulfreunden der Kinder. Offenbar hat für mediale Wahrnehmungsraster nur das soziale Gestalt, was mit der politischen Klasse, deren Rangeleien, Spielchen und Ritualen zu tun hat und sich als Politentertainment gut verkaufen läßt. Dem steht der Osten in der Tat ferner gegenüber, als man im Westen ahnte. Das aber ist ein Wort im Dieckmannschen Sinne über Ost und West.