Die Ereignisse und Ergebnisse von rund hundert Arbeitswochen auch nur annähernd repräsentativ dokumentieren zu wollen: ein hybrides Vorhaben. "Fünfzig Jahre Neue Musik in Darmstadt" auf vier Compact Discs zusammenzufassen, an die zweitausend neue Werke durch siebenunddreißig Beispiele zu kennzeichnen: ein Akt subjektiver Willkür ein Kompromiß aus zeitlichen Fassungsvermögen der Platten, Verfügbarkeit von Rechten, Signifikanz von Stücken und heutigen Ansprüchen angemessener Aufnahmetechnik. Kein Zweifel: die erste Begegnung mit Anton Webern ("Variationen für Klavier", 31. Juli 1948) war ebenso ein musikgeschichtliches Ereignis wie die konzertante Uraufführung von Arnold Schönbergs "Tanz um das Goldene Kalb" aus "Moses und Aron" (2. Juli 1951) oder die Premiere von Stockhausens "Kreuzspiel" (21. Juli 1952), und so besitzen die historischen Tondokumente allen späteren Aufführungen und Aufzeichnungen gegenüber ihr Gewicht. Die Frage freilich, wer da alles nicht berücksichtigt wurde, ist so müßig nicht: Schon im zweiten Darmstädter Jahrzehnt waren die Richtungskämpfe versteckt, aber intensiv. Daß die Japaner wie die frühe polnische Avantgarde fehlen daß Ligeti allein durch seinen "Hungarian Rock" vertreten ist, daß die Elektronische Musik nicht vorkommt und Kalifornien ausgegrenzt bleibt, hat durchaus symptomatischen Charakter. Nichtsdestoweniger: als ein Kompendium der kompositorisch-stilistischen Vielfalt wie als Nachweis der interpretatorischen Kompetenz bei den Darmstädter Ferienkursen ist die Kassette (col legno WWE 31893) von unschätzbarem und daher bleibendem Wert.