Sie photographierte nicht die sogenannten große Augenblicke. Nicht den Schauspieler im Moment des äußersten Ausdrucks. Also: keine pathetischen Großaufnahmen! Sie interessierte sich auch wenig für die kühnen Choreographien des Theaters und seine magischen oder auch bloß schicken Beleuchtungsspiele. Doch obwohl ihre Bilder das Auffällige nicht suchten, sondern eher mieden, zogen sie den Betrachter sogleich in ihren Bann - und so wurde Abisag Tüllmann, nach Rosemarie Clausens Tod, wohl die eindringlichste deutsche Theaterphotographin. Sie war eine scheue, geradezu schüchterne Person - und das in einem Gewerbe, in dem die Gier und die Schamlosigkeit nahezu berufsnotwendig sind. Also erforschte sie in den Schauspielern auch nicht das Grandiose oder Schamlose, sondern die Scheu, das Zögern, das Staunen. Ihre Bilder, jetzt wieder betrachtet, halten den Augenblick der Überraschung fest. Und es sieht aus, als seien beide im selben Moment überrascht: der photographierte Schauspieler und seine Photographin. Als sei die Kamera kein Kasten aus Blech und Glas, sondern tatsächlich ein drittes Auge. Das Glück des Photographen: wenn er unter allen Zufällen den einzig richtigen findet. Abisag Tüllmann photographierte also nicht die großen, sondern, in aller Schüchternheit, die größten Momente des Theaters: die Hundertstelsekunde, da wir nichts voneinander wissen. Die klassischen Helden, so angeschaut, waren dann keine fernen Eisheiligen oder Gipsfiguren mehr, sondern unsere melancholischen Zeitgenossen: gleichviel, ob es Iphigenie auf ihrer Insel oder Tasso in seinem Gehäuse war (beide Bilder aus den Inszenierungen Claus Peymanns).

Abisag Tüllmann, 1935 in Hagen geboren, war auch Portraitphotographin, Reisephotographin, Frankfurt-Photographin, ZEIT-Photographin, aber das ist eine andere Bildergeschichte. Am 24. September ist sie, sechzig Jahre alt, in Frankfurt am Main gestorben.