Als die Herren Domingo, Pavarotti und Carreras nach ihrem Konzert in Stockholm zu Tische eilten und zügig die Hände erhoben zum lecker bereiteten Mahle, gab es anschließend mächtig Ärger. Die drei waren nämlich ratzeputz satt und längst über alle Berge, als der Rest der Gäste eintraf und der hatte, immerhin, 1800 Mark pro Nase bezahlt, um einmal im Leben mit den 3 big tenors tafeln zu dürfen.

Lasset uns dies als ein Gleichnis nehmen und zur Warnung, liebe Freunde der Oper. Was ist das? Erstens: Wer singt, der soll auch essen. Zweitens: Wer nicht kommt zur rechten Zeit und einen Tenor für eine Hostess hält, der muß sehen, was übrigbleibt. Drittens: Kunst ist käuflich, Hunger aber eine Himmelsmacht. Viertens, ergo: Selbst die Opernkulinarik hat natürliche Grenzen. Fünftens: Ein Dacapo ist kein Carpaccio.

Andererseits: Auch bei den staatlich-städtisch finanzierten deutschen Bühnen liegt die US-amerikanische Gepflogenheit eines sogenannten Maestro-Dinners längst im Bereich der Marketingmöglichkeit. In Berlin etwa kann schon, wer's bezahlt, mit Barenboim essen. Auch erklärte der Leipziger Künstlerintendant Udo Zimmermann (der mit sich vorläufig noch nicht für Geld essen läßt) gegenüber Opernwelt, daß seine Meinung nach das good old deutsche Stadttheater mit seinem bewährten "Repertoire"-Prinzip dem modernen, international auf dem Siegeszuge befindlichen "Stagione"-Prinzip ökonomisch wie kulinarisch nicht mehr das Wasser respektive die Veuve Clicquot reichen könne: "Das kann nicht gehen. Da kommt eine Qualität heraus, die einem Gemüsegarten gleicht. Das ist so, weil auch dort immer wieder dahintersteht: verkaufen, verkaufen!"

Ein Stagione-Betrieb verkauft Delikatessen: garantiert Adabei-exquisite und/oder gut verdauliche Ersteklasse-events im Block, an die Sponsoren, Presse, Fernsehen, Plattenfirmen, Landesfürsten, Gott und die Welt. So zeigt etwa das Pariser Châtelet dieser Tage Strawinskys "Wüstling" mit Sellars, Salonen, Upshaw, dem Los Angeles Orchestra und anderen Köstlichkeiten mehr, sechs mal und nie wieder. Der Repertoire-Betrieb dagegen verkauft Schwarzbrot, ibäh. Gemüse.

Eintopf. Täglich wechselndes Menue für einen Heiermann, das kann ja nichts sein! Etwa diese Woche, im Staatstheater Oldenburg: erst Büchner, dann Ballett, drittens eine Avantgardeoper, "Die Wände", viertens Musicalpremiere, "Black Rider".

Adriana Hölszkys Oper "Die Wände" ist eine deutsche Erstaufführung (nach der umjubelten Wiener Festwocheninszenierung von Hans Neuenfels).

In Oldenburg inszeniert der Intendant kostengünstig selbst. Auch der "Wände"-Chor aus 36 solistisch geführten Stimmen gehört zum Haus wie auch die trefflich singende, agierende Solistencrew und die Bläser im Graben, nebst Akkordeonist, Kontrabassist und Cymbalistin. Acht virtuose Schlagzeuger sind aufgeboten, nur das zugespielte Tonband ist aus Wien übernommen, freilich von Hölszky bearbeitet worden.